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Im Gespräch : Gesund genug fürs Oval Office?

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So oder so glauben Öffentlichkeit und Medien die durchweg sonnigen Statements zur Gesundheit der Präsidentschaftskandidaten nur unter Vorbehalt. Zu oft schon wurden bestehende Leiden, die ihre Amtsfähigkeit durchaus bedrohen könnten, verschleiert. Ein gutes Beispiel ist John F. Kennedy – Inbegriff jugendlicher Dynamik im Weißen Haus. Der bei seiner Wahl 1960 erst 43-jährige Politiker litt an der Nebennierenkrankheit Morbus Addison und hatte immer wieder schwere gesundheitliche Krisen durchlitten; mindestens einmal hatte der Katholik bereits das Sterbesakrament erhalten. Doch obwohl bei seinen Kontrahenten Gerüchte über die Erkrankung umgingen – sein Rivale und späterer Vizepräsident Lyndon B. Johnson nannte ihn einen „gelbgesichtigen Burschen“ –, gelang es Kennedys Wahlkampfteam, die Öffentlichkeit von JFKs ungebrochener Vitalität zu überzeugen. Erst nach seiner Ermordung wurde die Krankengeschichte bekannt, ob in vollem Umfang, muss auch heute noch bezweifelt werden. Es ist fast Tradition, dass Präsidenten ihre Probleme verheimlichen oder herunterspielen, etwa den Herzinfarkt Dwight D. Eisenhowers 1955 oder den bösartigen Kiefertumor, den Grover Cleveland 1893 an Bord einer Privatyacht entfernen ließ – außer Sichtweite der Presse. Weltpolitische Konsequenzen hatte die Verschleierung des Schlaganfalls von Woodrow Wilson im Oktober 1919: Der Präsident war völlig amtsunfähig, der Kongress bestimmte die Außenpolitik und verhinderte die Mitgliedschaft der Vereinigten Staaten im Völkerbund.

Verreist der Präsident, reist die Klinik mit

Immerhin, sollte einem Bewohner der Villa 1600 Pennsylvania Avenue NW heute Ähnliches widerfahren, erführe er oder sie die bestmögliche medizinische Betreuung. Im Weißen Haus steht ein 20 bis 25 Personen umfassendes Team bereit, darunter zumeist vier Ärzte. Ist der Präsident unterwegs, reist die Klinik quasi mit. Air Force One ist unter anderem mit einem Operationssaal ausgerüstet, falls es bei einem Staatsbesuch in einem Land mit einer nicht als adäquat empfundenen medizinischen Infrastruktur zur Notwendigkeit eines Eingriffs kommen sollte; Blutkonserven mit der Blutgruppe des Präsidenten werden ohnehin an jede auf dem Programm stehende Station der Reise vorausgeschickt. Am Amtssitz Washington wird der Präsident schnellstmöglich in eine Klinik gebracht werden, wenn es die Situation erfordert. Seine Einlieferung ins George Washington University Hospital binnen weniger Minuten nach dem Attentat am 30. März 1981 und das dort sofort einsatzbereite Team von Topchirurgen rettete Ronald Reagan das Leben.

So exzellent die Aussichten auf eine akute Versorgung sind: Bei chronischen und altersbedingten Leiden sind den Möglichkeiten der Medizin auch bei den Mächtigsten Grenzen gesetzt. Gegen Ende der Amtszeit Reagans 1988/89 sollen sich schon erste Zeichen seiner 1994 öffentlich gemachten Alzheimer-Krankheit gezeigt haben. Das schwere Herzleiden Franklin D. Roosevelts 1944/45 konnte unter den damaligen Umständen nicht behandelt werden – die Medizin war noch nicht so fortgeschritten – und wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs geheim gehalten.

Heute alt, in vier Jahren ein Greis

Einer der aktivsten Wahlkämpfer des Jahres 2016 wäre ohne die exzellente ärztliche Betreuung im Weißen Haus möglicherweise nicht mehr am Leben: Bill Clinton wurde von den Medizinern zu einer Abkehr von seiner ungesunden Ernährung und zum Gewichtsverlust gebracht, was die Prognose seiner vierfachen Bypass-Operation im Jahr 2004 entscheidend verbessert haben dürfte. Mit dem Preis, dass der 42. Präsident heute hager, fast abgezehrt und deutlich gealtert wirkt.

Sollte nun einer der drei rüstigen Senioren tatsächlich im Januar 2017 ins Weiße Haus einziehen, wird das Thema der Präsidentengesundheit an Bedeutung gewinnen. Nach der Wahl ist vor der Wahl, und ein neuerliches Antreten nach vier Jahren wird am Abend des Wahlsieges fast schon vorausgesetzt. Und vielleicht könnte es dann einen Präsidenten geben, der eine zweite Amtsperiode plant – in der er seinen achtzigsten Geburtstag feiert.

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