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Die EU fragt ihre Bürger : Wie geht das: weniger krank?

Gesundheit ist Bildungssache: Im Sportgarten der FTG Frankfurt. Bild: Hannes Jung

Gesünder leben, ein ziemlich gutes und ein ziemlich theoretisches Konzept. Doch wer handelt schon wirklich so? Und wer ist verantwortlich, wenn überflüssige Leiden zunehmen? Was dagegen tun? Machen Sie mit im dritten Teil der EU-Umfrage.

          3 Min.

          Am Ende waren es die mickrigen Einschaltquoten, weniger die lauten Moralapostel, die das Ende einer denkwürdigen Talkreihe im deutschen Privatfernsehen herbeigeführt haben: Hugo Egon Balders „Der Klügere kippt nach“  war ganz sicher ein neuer Tiefpunkt der öffentlichen Unterhaltung, vor allem aber war es ein Anschlag auf das gesunde Volksempfinden. Zum Sendekonzept des Programms, das vergangenes Jahr ein paar Monate lang auf Tele 5 lief, gehörte es, dass der Moderator mit seinen Gästen während des Talks wie in der Kneipe Bier trank und damit langsam betrunken wurde. Alkohol-Prävention sieht anders aus, und so wetterten Suchtexperten schon vor dem Start des „Suff-Talks“ mächtig gegen das politisch unkorrekte Abendprogramm.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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          Die Frage der Woche

          Lustig sollte es werden und schräg, ein alkoholisiertes fröhliches Stelldichein vor laufender Kamera. Heraus kamen allerdings Plauderrunden, die strunzlangweilig endeten und deshalb kaum jemanden interessierten. Was die Biertalker obendrein vollkommen außer Acht ließen, war die aufgewühlte gesundheitspolitische Stimmung - eine Sensibilität, die sich seit ein paar Jahren keineswegs nur in Deutschland ausbreitet und die sich vielleicht zuerst und am sichtbarsten in Kneipen-Rauchverboten ausdrückte.

          Wer der Gesundheit anderer schadet, so die Philosophie dahinter, muss mit drastischen Einschränkungen rechnen. Und selbst wer nur seiner eigenen Gesundheit schadet, so entwickelte man das Konzept fort, muss mit dem Stigma der anderen rechnen, schon weil man damit zum schlechten Vorbild für die Kinder werden kann.

          Auf dieser gesundheitspolitischen Linie nun schreitet man auf allen gesellschaftlichen Kanälen weiter - in den Schulen und Familien, am Arbeitsplatz, in der Freizeit und - nicht zuletzt - beim Arzt. Gesundheitsadäquates Verhalten gilt es zu fördern,  krankheitsvorbeugend zu unterrichten, ja und am Ende auch - Verantwortung für die Volksgesundheit übernehmend -  politisch zu agieren. Das geht vom milden „Nudging“, dem Anstupsen durch verlockende Botschaften und Kampagnen bis zur Debatte um Verbote und Zuckersteuer. Auf ihrem aktuellen Jahreskongress beschäftigt sich etwa die European Heart Association   ausgiebig mit der Frage, inwiefern eine zehnprozentige, politisch veranlasste Preisminderung auf gesundes Obst und Gemüse das Ernährungsverhalten der Massen verbessern und wie gleichzeitig eine zehnprozentige Verteuerung von Süßgetränken die Gesundheitsbilanz des Volkes  verbessern könnten. Das dazu bemühte Computermodell hält eine klare politische Botschaft bereit: Jährlich mehr als eine halbe Million Todesfälle  durch Herzkreislaufleiden - vom Schlaganfall bis zum Infarkt - könnten durch diese vergleichsweise „maßvolle“ fiskalische Intervention verhindert werden.

          Frisches auf dem Tisch: Da sollte nicht nur jedes Veganer-Herz höher schlagen.

          Die Debatten um die Prävention von „Lifestyle“-Krankheiten, die in der Regel chronische und damit teure Leiden sind, spitzt sich auch in Europa zu. Eines der Argumente rigider Gesundheitsschützer: Die Leute wollen einfach nicht dazu lernen, freiwillig werden sie nicht klüger. Im Bundesgesundheitsblatt vom September 2015, das sich ausschließlich mit der „Förderung der Gesundheitskompetenz“ in Deutschland beschäftigt, werden dazu ein paar denkwürdige Zahlen aufegführt: Lediglich 55 Prozent der Erwachsenen im Land hat nach festgelegten Kriterien  „ausreichendes“ Wissen darüber, wie man sich langfristig gesund hält, aber fast die Hälfte der Bundesbürger verfügt über ein „problematisches“ bis „inadäquates“ Knowhow. „Handlungsbedarf“ melden die beiden Epidemiologen vom Robert-Koch-Institut, Susanne Jordan und Jens Hoebel, an.


          Die EU fragt ihre Bürger

          © DPA

            Teil 1: Was soll die Politik tun, um Volksleiden einzudämmen?

            Chronische Leiden sind zur Epidemie geworden. Was kann und soll getan werden? Die F.A.Z. liefert die deutsche Plattform für eine Bürgerbefragung, die von Brüssel aus in zehn europäischen Ländern gestartet wird. Zum Artikel

            Teil 2: Kann Technologie Krankheit besiegen?

            Chronische Leiden nehmen zu - trotz des teuren medizinischen Fortschritts. Setzt Europa zu stark auf Innovationen, oder etwa doch noch zu wenig? Wie wichtig ist den Bürgern die Hightechmedizin? Machen Sie mit im zweiten Teil der EU-Umfrage. Zum Artikel

            Teil 3: Wie geht das: weniger krank?

            Gesünder leben, ein ziemlich gutes und ein ziemlich theoretisches Konzept. Doch wer handelt schon wirklich so? Und wer ist verantwortlich, wenn überflüssige Leiden zunehmen? Was dagegen tun? Machen Sie mit im dritten Teil der EU-Umfrage. Zum Artikel


          Mindestens 52 Millionen weltweit, davon geht die Weltgesundheitsorganisation aus, könnten bis 2030 jedes Jahr an chronischen Leiden sterben. Vier von fünf Krankheitsfälle seien vermeidbar, wenn auf Tabak, Alkohol, Fastfood verzichtet und regelmäßige Bewegung endlich zur täglichen Übung für jedermann würden. Doch wie will man dieses Umsteuern erreichen, wo anfangen? Im Fernsehen oder in der Schule, mit oder ohne gesetzgeberischem Zwang, vielleicht doch sanfter mit  „Marktanreizen“, wie es die amerikanischen Kardiologen sich wünschen?

          Im dritten Teil der „REIsearch“-Umfrage, die vom europäischen Parlament getragen wird und in zehn Ländern stattfindet (siehe Kasten unten), will Europa von Ihnen wissen, wie Sie es mit den Bürgerrechten im Gesundheitssektor und den Verantwortlichkeiten als Bürger halten. Die Ergebnisse der Erhebung werden anonymisiert ausgewertet und Ende April dem Europäischen Parlament und der EU-Kommission vorgestellt.

          EU-Projekt „REIsearch“

          Die europäische Befragung zu chronischen Krankheiten und zur Gesundheitspolitik findet über die Plattform „REIsearch“ statt, die im Rahmen einer Non-Profit-Initiative in Brüssel ins Leben gerufen wurde. Sie vernetzt Bürger, Forschungsinstitutionen und Medien aus zehn europäischen Ländern. Aus Deutschland ist die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, F.A.Z., beteiligt. Die EU-Kommission, die das Projekt fördert, sieht die Plattform als Chance, mit den Mitteln moderner Medien ein Meinungsbild darüber zu gewinnen, was man in Europa über die Rolle von Regierungen, öffentlichen Körperschaften, Privatindustrie und der Bürger selbst zur Eindämmung von Volksleiden denkt.

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