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Diagnose Lepra : Ein Leben im Schatten der Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Sind die Nerven womöglich geschädigt? Oder ist noch etwas zu spüren? Das überprüft der Arzt an Händen – und Füßen. Bild: Foto Kai Kupferschmidt

Lepra ist eine Krankheit der Gegenwart. Ein Besuch in Brasilien, wo die Zahl der Fälle bezogen auf die Einwohnerzahl die höchste weltweit ist, die Infizierten aber am Rande der Gesellschaft leben. Mediziner kämpfen dort auf ihre Weise gegen das Vergessen.

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          Wie ein Gespenst hat Claudio Alberto Ferreira Da Recha gelebt. Auf einem Friedhof mitten in der Millionenstadt Belém, für die Trauernden war er kaum mehr als ein Schatten zwischen den Grabsteinen. Über Jahre glich sein Dasein dem eines Aussätzigen im Altertum. Bis ein Fremder zu ihm kam und sagte: „Du musst zum Arzt. Ich bringe dich hin.“

          Jetzt sitzt Da Recha auf einem Bett in einer Klinik im nahen Marituba. Ihm fehlen links einige Fingerglieder, seine rechte Hand ist zu einer Kralle geformt. Er ist erst 35 Jahre alt, aber sein Gesicht erzählt eine dramatische Geschichte: Es ist übersät mit Knötchen. Die Fresszellen seines Immunsystems sind an diesen Stellen in die Haut eingewandert, um einen unerwünschten Eindringling auszuschalten: Mycobacterium leprae, den Erreger der Lepra. Doch das Bakterium kann in den Zellen überleben, vermehrt sich, bis die Zelle platzt. Und es folgen immer mehr Immunzellen.

          Da Rechas Nase ist eingefallen. Die Krankheit hat den Knorpel regelrecht zerfressen. Facies leonina, Löwengesicht, nennen das die Ärzte. Es ist das Gesicht der späten Lepra: „Es braucht viele Jahre ohne Behandlung, bis das Bakterium so viel Schaden angerichtet hat“, sagt Claudio Guedes Salgado, Lepraforscher an der Universidade Federal do Pará, der staatlichen Universität in Pará. „Solche Fälle sehen wir nicht mehr häufig.“ Aber das heißt nicht, dass es die Krankheit nicht mehr gibt. Im Gegenteil, Salgado ist überzeugt, dass die Zahl der Kranken viel höher ist, als die offiziellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation suggerieren. Etwas mehr als 200.000 Fälle hat die WHO für 2018 weltweit gezählt. Salgado glaubt, dass es Hunderttausende Fälle mehr gibt, möglicherweise Millionen. Wie Da Recha in seinen Jahren auf dem Friedhof leben diese Menschen im Schatten der Gesellschaft. Das Problem sei, sagt Salgado, dass niemand Interesse daran habe, Licht ins Dunkel zu bringen. Das will er ändern.

          Heilbar, aber die Seuche ist immer noch nicht ausgerottet

          Lepra, das klingt nach Bibel, nach einer Seuche der fernen Vergangenheit. Tatsächlich hat man ihre Spuren an einem 4000 Jahre alten Skelett aus Indien gefunden. Der Ursprung dürfte noch weiter zurückliegen. Wann und wo genau, ist umstritten. Klar ist, dass der Erreger den Menschen begleitete, wohin er auch wanderte. Ärzte versuchten das Leiden mit Schlangengift zu behandeln, mit Blut oder Bienenstichen. 1873 entdeckte der Norweger Gerhard Armauer Hansen den Erreger, es war das erste Bakterium, das als Verursacher einer Krankheit identifiziert wurde.

          Heute ist die Krankheit heilbar: Eine Kombinationstherapie aus zwei oder drei Antibiotika, die je nach Schwere der Infektion ein halbes oder ein ganzes Jahr lang genommen werden müssen. Millionen Menschen sind damit seit den 1980er Jahren behandelt worden, und die Lepra konnte langsam zurückgedrängt werden. 1966 gab es laut WHO weltweit noch mehr als zehn Millionen Fälle, 1991 waren es halb so viele, und man setzte sich das Ziel, die Krankheit zu eliminieren. Ein Fall pro zehntausend Menschen, mehr dürfen es dann nicht sein, und bis 2000 hatten das die meisten Länder erreicht. Heute fehlt nur noch ein einziges, Brasilien. Auf die Einwohnerzahl bezogen, hat dieses südamerikanische Land die höchste Zahl der Fälle weltweit. Dass solche Einschätzungen überhaupt möglich sind, das liegt auch an Claudio Salgado. Seit 2009 besucht der Mediziner immer wieder Gemeinden im Amazonasgebiet und diagnostiziert dort Leprafälle.

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