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Deutsche Krebshilfe : „Das Thema eignet sich nicht für Polemik“

Fritz Pleitgen, seit zwei Jahren Präsident der Deutschen Krebshilfe, war viele Jahre als Journalist beim WDR und als Rundfunkintendant tätig.

Hohenberger: Wichtigstes Ziel der Darmkrebs-Früherkennung ist es, die Zahl der tumorbedingten Todesfälle zu senken. Werden Krebsvorstufen frühzeitig entdeckt, können sie entfernt und somit eine bösartige Entartung vermieden werden. Sowohl der Stuhl-Blut-Test für Männer und Frauen ab 50 Jahren als auch die Darmspiegelung ab 55 Jahren sind sinnvolle Maßnahmen zur Darmkrebs-Früherkennung. Natürlich gibt es auch Komplikationen in der Vorsorge. Beim Darmkrebs haben wir ein oder zwei Todesfälle pro zehntausend Darmspiegelungen. Aber der Anteil der früh im Stadium eins erkannten und damit heilbaren Tumore geht von 20 Prozent in Richtung 40 Prozent. Die Zahlen für die frühe Adenom-Entfernung gehen auch in den Vereinigten Staaten deutlich nach oben, wo viel mehr koloskopiert wird. Wir betreiben hier wirklich Prophylaxe, also Vorbeugung. Das kann man zeigen. Nur: Man darf nicht den Fehler mancher Kritiker machen und den Effekt in der Vorsorge in einer großen Population beweisen zu wollen. Man muss sich Untergruppen ansehen. Wenn wir beim Darmkrebs die Behandlungsqualität insgesamt ansehen wollen, ist es unzureichend, das Gesamtüberleben heranzuziehen.

Der Kieler Onkologe Walter Jonat, der früher Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe war,  ist einer der „Väter“ der Tumorzentren und sitzt als stellvertretender Vorsitzende im Kuratorium der Deutschen Krebshilfe.

Nettekoven: Es ist doch völlig unstrittig, dass ein früh erkannter Tumor auch der besser behandelbare Tumor ist. Dass man natürlich am Design eines Screening immer wieder feilen muss, das heißt, die erhobenen Daten auswerten und prospektiv berücksichtigen muss, ist eine Selbstverständlichkeit. Die heutigen Krebs-Früherkennungsprogramme beispielsweise zum Brust- und Darmkrebs sind nach derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen fokussiert auf eine Risikopopulation, nämlich auf das Risiko Alter. Dennoch: Die Krebshilfe legt großen Wert darauf, dass sich die Menschen über die Früherkennungsprogramme sowie deren Nutzen und Risiken, die es durchaus gibt, informieren und informiert werden. In diesem Sinne halten wir zu den Themen Brust-, Darm-, Prostata-, Haut- und Gebärmutterhalskrebs entsprechende Informationsmaterialien vor.

FRAGE: Und was ist mit den Zweifelsfällen der Früherkennung, etwa dem Prostatakarzinom, an die Weißbach vermutlich bei seiner Kritik gedacht hat?

Jonat: Leider ist festzuhalten, dass es in Deutschland bisher nicht gelungen ist, eine Studie, die die Bedeutung der Früherkennung beim Prostatakarzinom zum Beispiel durch die PSA-Bestimmung belegt, durchzuführen. Hier waren Entscheidungsträger wie Herr Weißbach als Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft vor zwölf Jahren gefordert, Weichen zu stellen. An der sehr wichtigen europäischen ERSPC-Studie war Deutschland nicht beteiligt.

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