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Psychologie : Sorgt euch!

Auch Grautöne haben ihren Reiz. Bild: UC Riverside

„Don’t worry, be happy“ singen wir seit bald dreißig Jahren, dabei ist gesunder Pessimismus keineswegs ein Nachteil - das behaupten zumindest Psychologen. Eine Glosse.

          Unser Dasein ist Sorge, das wusste schon Martin Heidegger. Und doch geraten wir angesichts dieses menschlichen Grund-Seinsmodus wieder und wieder in Rechtfertigungsdruck. „Don’t worry, be happy“ sang vor knapp dreißig Jahren der amerikanische Jazzsänger Bobby McFerrin und implantierte uns mit diesem schwer wieder loszuwerdenden Ohrwurm die Worte des indischen Gurus Meher Baba ins kollektive Unterbewusstsein: Das sorgenfreie Glück ist es, das unseren Gemütszustand dominieren sollte. Optimistische Strahle-Smileys wollen wir und keine Schlechte-Laune-Grübelei.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch nun sind Psychologen angetreten, die Stirnfaltenträger unter uns endlich zu rehabilitieren. Kate Sweeny und Michael Dooley haben in der Fachzeitschrift „Social and Personality Psychology Compass“ einen Übersichtsartikel veröffentlicht, in dem sie den guten Seiten der Sorge nachspüren. Sorge ist dabei definiert als eine Emotion, die unangenehme Gedanken über die Zukunft begleitet. Diese Zukunftsgerichtetheit ist auch – im Gegensatz zum rückwärtsgerichteten Grübeln – der Schlüssel ihres Erfolgs: Besorgnis eröffnet Möglichkeiten, aktiv zu werden und das Schlimmste zu vermeiden. Präventive Handlungsoptionen sind etwas, das chronische Positivdenker sich gerne selbst verbauen. Vergangene Studien konnten zeigen, dass Optimisten dazu neigen, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen – weil sie nicht zum Arzt gehen, keine Kondome benutzen, sich nicht impfen lassen und nicht anschnallen und keine Sonnencreme benutzen.

          Doch selbst wenn die Möglichkeiten der Beeinflussung zukünftiger Ereignisse eingeschränkt sind, mögen die Sorgenden im Vorteil sein, da sie sich einen Plan B zurechtlegen konnten, während die Optimisten sich tatenlos in freudiger Erwartung eines positiven Ausgangs sonnten. Auf der anderen Seite beschreiben Sweeny und Dooley den bekannten Effekt, dass es ja nur besser kommen kann, wenn man schon vom Schlimmsten ausgeht. Sorgenvolle Menschen erfahren daher im Fall von guten Nachrichten höhere Niveaus von Erleichterung und Begeisterung – so wie man eine Komödie lustiger findet, wenn man sie direkt nach einem Horrorfilm schaut, wie eine psychologische Studie von 1983 zeigen konnte.

          Wichtig ist aber: Wie so oft im Leben zählt auch hier die goldene Mitte. Auch das ist nicht ganz neu. Schon Aristoteles hatte in seiner Nikomachischen Ethik die Tugend als „Mesotes“ zwischen den Lastern von Übermaß und Mangel verortet. Gesunde Sorge als Ideal zwischen selbstgewissem Übermut und lähmender Selbstzerfleischung also, nun auch psychologisch legitimiert. Dazu fehlt jetzt nur noch der passende Ohrwurm.

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