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Johanniskraut : Es ist ein Kreuz mit dem Kraut

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Dem giftigen Jakobskraut zum Verwechseln ähnlich: Johanniskraut. Bild: Rainer Wohlfahrt

Nicht alles, was die Natur bereithält, ist ein Segen für Mensch und Tier. Auch das viel gelobte Johanniskraut wird regelmäßig zum Streitfall in der Naturheilkunde. Weshalb eigentlich?

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          Vergangene Woche warnte ich davor, sich sein eigenes Antidepressivum nach schwedischem Vorbild zusammenzumixen, in Form eines alkoholischen Extraktes von Blüten und Blättern des Johanniskrauts. Warum soll der Laie die Finger davon lassen? Weil die Chance nicht gering ist, dass er stattdessen das Jakobskreuzkraut erwischt, das Ende Juni zur selben Zeit blüht und Ersterem zum Verwechseln ähnlich sieht. Jakobskraut enthält erhebliche Mengen an Pyrrolizidinalkaloiden, welche die Leber schädigen. Als Verunreinigung wurde es bereits in Teemischungen und Wildsalaten entdeckt, auch in Honig wurden seine Inhaltsstoffe gefunden und in Heu, das an Pferde und Rinder verfüttert wird. Das Bundesinstitut für Risikobewertung, das in anderen Fällen weniger streng ist, fordert in Bezug auf Pyrrolizidine sogar eine „Nulltoleranz“.

          Man sieht daran: Nicht alles, was die Natur bereithält, ist ein Segen für Mensch und Vieh. Und die Meinungen gehen in der Naturheilkunde regelmäßig auseinander. Das trifft auch für das hochgelobte Johanniskraut zu. Der griechische Militärarzt Dioskurides, berühmtester Pharmakologe seiner Zeit, beschrieb in seiner „Materia medica“, wofür man es in der Antike verwendet hat, nämlich gegen Ischias. Die Pflanze, so die Begründung, führe „viel gallige Unreinigkeit ab“, außerdem sei sie ein probates Mittel bei Brandwunden. Hildegard von Bingen wiederum, die als Säulenheilige der Klostermedizin einen Ruf wie Donnerhall genießt, erwähnt das Kraut gar nicht erst beim Namen und spricht nur allgemein von der hartenauwe als einer kalten Pflanze, die ein brauchbares Viehfutter abgeben soll; sie hat wohl ein anderes Mitglied aus der Familie der Hartheugewächse im Sinn gehabt.

          Letztere gehören zur Ordnung der Malpighienartigen, und da wird die Verwirrung noch viel größer, denn die ist neuerdings nach molekulargenetischen Gesichtspunkten geordnet worden und umfasst demnach 39 Familien mit mehr als siebenhundert Gattungen und annähernd 16.000 Arten. Darunter finden sich so verschiedene Gewächse wie Passionsblumen, Veilchen, Lein, Maniok und Weidenbäume.

          Prominent erwähnt wurde das Echte beziehungsweise Tüpfel-Johanniskraut Hypericum perforatum erst wieder im Spätmittelalter, so zum Beispiel im „Buch der Natur“ des Konrad von Megenberg, und zwar unter Namen wie „Königskrone“ und „Fuga daemonum“, also Dämonenflucht. Die Droge wurde zur Austreibung des Teufels verwendet, was nahelegt, dass man ihr damals bereits eine psychogene Wirkung zugeschrieben hat. Den heutigen Wissensstand hat ganz nüchtern die Stiftung Warentest zusammengefasst, die vor einigen Jahren knapp hundert rezeptpflichtige und zwei Dutzend rezeptfreie Mittel gegen Depressionen unter die Lupe genommen hat. Sie kam dabei zu dem Urteil, die gängigen Johanniskraut-Dragees, die man ohne weiteres in der Apotheke kaufen kann, seien „mit Einschränkung geeignet bei leichten vorübergehenden depressiven Verstimmungszuständen“. Ich selbst habe es mal mit „Hyperforat“ probiert. Jahrelang glaubte ich anschließend, in einem Song der Gruppe Element of Crime eine bestimmte Zeile herauszuhören: „Vom Hyperforat ist schon lange nichts mehr da.“ In Wahrheit ist da aber nur die Rede vom Biervorrat. Das ist schon traurig genug.

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