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Hängematten-Hirneffekt : Wie der Schaukelschlaf den Verstand schärft

Lernen und dann schaukelnd einschlafen – das Gedächtnis dankt’s. Bild: dpa

Wer nachts schlecht schläft und tagsüber nichts im Gedächtnis behält, findet jetzt vielleicht endlich Abhilfe: Wissenschaftler haben den langsamen Schaukelschlaf getestet – und dabei einiges über den besten Rhythmus erfahren.

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          Architektonisch muss da noch einiges passieren in den Schlafzimmern, aber was die Konstruktion des Fundaments angeht, auf dem wir Menschen uns idealerweise betten zur Nacht, gibt es inzwischen bemerkenswerte neue Konzepte. Eines davon: Rhythmisch einschlafen und den Rhythmus die ganze Nacht beibehalten. Von der Funktion her kommt das ideale Bett damit der Hängematte schon recht nahe. Allerdings ist, um sämtliche Vorteile des Schaukelschlafs auskosten zu können, die Konstanz und die Ausdauer der Schaukelbewegung ein entscheidender Faktor.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Belohnung für den Schläfer: Nicht nur leichteres Einschlafen und weniger Aufwachen – auch die im Schlaf übliche Konsolidierung des Gedächtnisses profitiert stark davon. Ermittelt worden ist das alles jetzt in Schweizer Schlaflabors. An den Universitäten Genf und Lausanne haben die Wissenschaftler an achtzehn freiwilligen Probanden und diversen Mäusen die Effekte des beweglichen Schlafs erforscht. Die Ergebnisse der beiden Studien sind soeben in der Zeitschrift „Current Biology“ erschienen. Und, auch wenn sich nach dieser vergleichsweise kleinen Anzahl an Studienteilnehmern noch nicht das ganze Ausmaß des Schaukelschlafnutzens ermitteln lässt – beispielsweise, ob Menschen mit schweren Schlafstörungen davon profitieren – so bestätigen die systematischen Hirnuntersuchungen im Schlaflabor doch, was mancher schon am eigenen Leib in der Hängematte oder im Wasserbett erfahren hat: Die rhythmische Bewegung fördert den Schlaf. Und zuallererst das schnelle Einschlafen.

          Hirnwellen werden synchronisiert

          Die Studienteilnehmer wurden für die Versuchsreihen einmal auf Liegen gebettet, die sie –  freischwebend über dem Boden – in einem Takt von einer kompletten Schaukelausschlag alle vier Sekunden in den Schlaf wiegte. Zum Vergleich übernachteten sie in einer zweiten Versuchsreihe in denselben Betten, allerdings diesmal fest auf dem Boden stehend.

          Frappierend war für die Forscher keineswegs nur der eindeutige Einschlafeffekt. Auch die Beobachtung, dass die Probanden im Schaukelschlaf seltener aufwachten, überraschte nicht wirklich. Auch wenn der gemessene Effekt erstaunlich deutlich ausfiel und klar machte, dass die sensorische Rhythmus-Wahrnehmung im Schlaf nie aufhört (was man bei Experimenten mit Musikrhythmen schon früher festgestellt hat) . 

          Viel spannender wurde es später in der Nacht, als die Probanden in der Tiefschlafphase waren, dem sogenannten Non-RE-Schlaf. Er liegt in dem Zeitfenster, in dem unser Gehirn vergleichsweise viel Energie darauf verwendet, das vor dem Einschlafen gelernte und Erlebte in unser Gedächtnis zu überführen. Auch während dieses Prozesses nimmt das Gehirn offenbar die vom Gleichgewichtsorgan durch das Schaukeln erzeugten Impulse mehr wahr. Mehr noch: Die langsamen Hirnwellen, die in dieser Phase im Hirnstrombild besonders hervortreten und gewissermaßen die Gedächtnisbildung spiegeln, werden durch den Rhythmus des Schaukelns regelrecht verstärkt. Das neuronale Netzwerk mit den unterschiedlichen beteiligten Arealen im Gehirn, das insbesondere eine Verbindung zwischen Thalamus und Hirnrinde nutzt, ist unter der Schaukelwirkung deutlich besser synchronisiert. 

          Ein vierfacher Mäuserhythmus

          Dass diese Gedächtnisoptimierung tatsächlich auch für die Betroffenen erlebbar ist, wurde von Laurence Bayer und ihren Genfer Kollegen in einfachen Gedächtnistests ermittelt. Die jungen Studienteilnehmer lernten vor dem Einschlafen viele Begriffspaare, und diese zusammengehörenden Begriffe sollten nach dem Aufwachen am nächsten Morgen erinnert werden. Resultat: Die Merkfähigkeit war nach dem Schaukelschlaf signifikant größer.

          Eine andere Forschergruppe um Paul Franken aus Lausanne hat sich parallel dazu die Frage gestellt: Funktioniert der Hängematten-Effekt bei anderen Arten auch? Und tatsächlich: Auch Mäuse schlafen im Schaukeln schneller ein und schlafen auch fester. Der entscheidende Unterschied: die Nager bevorzugten einen viermal so schnellen Schaukelrhythmus.

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