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Neurologie : „Musik verändert die Chemie des Hirns“

  • -Aktualisiert am

Stefan Kölsch hält nichts von Stradivaris. Unsere Neuronen gaukeln uns nur vor, dass sie besser klingen, weil sie so wahnsinnig teuer sind. Bild: Isabel Klett

Der Geiger und Neurowissenschaftler Stefan Kölsch über Walgesänge, die ersten Instrumente der Weltgeschichte, Parkinson-Patienten, die Walzer tanzen, und seine kindliche Liebe zur Marschmusik.

          8 Min.

          Herr Professor Kölsch, Sie behaupten, Musik – Ihr zentrales Forschungsgebiet – habe „heilende Kraft“. Wogegen denn?

          Insbesondere nach Schlaganfällen, bei Parkinson, Alzheimer und Depressionen sind positive Effekte durch Musik gut belegt. Und es gibt sogar Hinweise, dass Musikhören das Leben generell verlängert.

          Steven Pinker, ein Psychologieprofessor in Harvard, hat Musik einmal als „auditory cheesecake“ bezeichnet – „Käsekuchen für die Ohren“. Angenehm, aber unwichtig.

          Pinker blickt nicht über den Tellerrand seiner übersättigten amerikanischen Kultur hinaus. Dadurch entgeht ihm das Wesentliche. Auch für Bildungsbürger in Mitteleuropa mag ein Besuch im Konzertsaal Luxus sein. Berücksichtigt man, was Musik in Extremsituationen zu leisten vermag, relativiert sich Steven Pinkers Aussage.

          Wie meinen Sie das?

          Denken Sie etwa an die legendäre Endurance-Expedition: Im Januar 1915 froren Ernest Shackleton und seine Männer mit ihrem Forschungsschiff in der Eishölle der Antarktis fest. Die Temperaturen sinken dort auf bis zu minus 90 Grad. Das Schiff wurde vom Eis zerquetscht. Den Männern froren Zehen ab. Sie schrien vor Schmerzen, wollten nur noch sterben. Da holte ein Mitglied von Shackletons Team sein Banjo heraus und stimmte Lieder an. Alle sangen gemeinsam – und schöpften neuen Mut. Immer wieder. Wochenlang. Ohne Musik hätten etliche aus seiner Mannschaft diese Expedition nicht überlebt, schrieb Shackleton später.

          Stimmt es, dass regelmäßiges Musizieren das Gehirn verändert?

          Schon beim Musikhören werden hilfreiche Botenstoffe im Hirn freigesetzt. Die ganze Gehirn-Chemie verändert sich. Singt oder musiziert man aktiv, sind diese Effekte noch deutlich stärker. Mit der Zeit ändert sich sogar die Anatomie des Gehirns: Neue neuronale Verknüpfungen bilden sich. Die Nervenleitungen werden dicker und können Informationen schneller übermitteln.

          Gibt es im Gehirn denn so etwas wie ein „Musik-Zentrum“?

          Das wurde lange vermutet. In Wirklichkeit aber sind sowohl beim Musizieren als auch beim Musikhören sehr viele unterschiedliche neuronale Netzwerke beteiligt. Die Aktivierung des Neokortex in der rechten Hirnhälfte ist bei Musik allerdings stärker als diejenige in der linken – bei Sprache verhält es sich genau umgekehrt. Es fällt aber auch auf, dass die komplexen Gehirnstrukturen für Sprache und Musik einander überlappen. Das bietet für Schlaganfallpatienten mit Sprachstörungen Chancen.

          Weshalb?

          Nach einem Schlaganfall in der linken Hirnhälfte sind die Sprachfähigkeiten meist stark beeinträchtigt. Die rechte Hirnhälfte aber funktioniert weiter normal, und man kann etwa Lieder wie „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ noch abrufen. Und zwar sowohl Melodie als auch Text. Trainiert man das gezielt, regenerieren sich mit der Zeit meist auch allgemeine Sprachfähigkeiten. Die Musik hilft der Sprache also gleichsam wieder auf die Sprünge. Betroffene beginnen im Alltag einfache Mitteilungen wie: „Ich geh einkaufen“ – die sie nicht aussprechen können – zu singen. Und über diesen Umweg lernen nicht wenige mit der Zeit wieder, recht fließend „normal“ zu sprechen.

          Sie haben Geige studiert. Doch am ersten Tag nach Ihrem Abschlusskonzert am Konservatorium schrieben Sie sich an der Uni für Psychologie und Soziologie ein. Zu viel Lampenfieber für eine Karriere als Musiker?

          Nein. Während des Musikstudiums kollabierte mein rechter Lungenflügel. Ein ganzes Jahr lang musste ich mich schonen und durfte nur wenig üben. Um mich zu beschäftigen, besuchte ich an der Uni alle möglichen Vorlesungen: Philosophie, Sprachwissenschaft, Psychologie. Eine neue Welt tat sich für mich auf. Und der Wissensdrang ließ mich nie mehr los. Besonders begann mich die Frage zu interessieren, was Musik im Gehirn auslöst – der spätere Hauptschwerpunkt meiner Forschung.

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