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Neurologie : „Musik verändert die Chemie des Hirns“

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Tatsächlich, fast alle Menschen lieben Musik. Aber warum ist das so?

Ein wichtiger Faktor dabei ist die Neugierde. Wir haben ja, wie gesagt, ein gutes Gespür für die „Grammatik von Musik“. Und Musik spielt mit unseren Erwartungen: Ständig möchte man als Zuhörer wissen, wie es weitergeht: Kommt genau der Ton, den ich erwarte? Das fragt sich das Gehirn unwillkürlich, auch ohne dass es uns überhaupt bewusst ist. Und Situationen der gespannten Erwartung mag unser Hirn generell sehr. Genuss entsteht fast immer durch eine raffinierte Mischung aus Erwartbarem und Überraschung. Dann wird im Gehirn Dopamin ausgeschüttet: ein Botenstoff, der antisklerotisch wirkt, also jung hält.

Hat es genetische Gründe, ob jemand besonders musikalisch ist?

Das halte ich für Mumpitz. Selbst Genforscher kommen immer stärker zur Überzeugung, dass die DNA allein nicht viel aussagt. Viel wichtiger ist die sogenannte Epigenetik: also welche Abschnitte des Erbguts durch Umweltfaktoren aktiviert werden und welche eben nicht. Musikalisches Talent jedenfalls wird durch sehr viele Dinge geprägt: Bereits Töne, Melodien und Rhythmen, die man im Mutterleib hört, können eine Auswirkung haben. Und dann natürlich die ersten Eindrücke nach der Geburt: Wie sprechen die Eltern mit dem Baby? Singen sie mit ihm? Vielleicht läuft auch zufällig ein Song im Radio, für den ein Säugling besonders empfänglich ist.

Und wie wird die Musik dann im Gehirn gespeichert?

Da sind noch viele Fragen offen. Interessant ist aber, dass sich manche schwer demente Menschen an fast nichts mehr erinnern können, aber noch immer viele Melodien korrekt erkennen. Vieles deutet also darauf hin, dass es ein spezifisches Gedächtnis für musikalische Inhalte gibt. Mit Sicherheit bestehen jedoch enge Verbindungen zu anderen neurologischen Strukturen im Gehirn: Studien haben nämlich gezeigt, dass Alzheimer-Patienten mehr Details aus ihrer Biographie erinnern, wenn im Hintergrund Musik läuft. Und zwar auch dann, wenn diese Musik nichts mit den geschilderten Ereignissen zu tun hat.

Wie erklären Sie sich das?

Ich vermute, es gibt so etwas wie einen „Emotions-Gedächtnistunnel“: In einer Region im Gehirn liegen Emotionen, Musikverständnis und biographisches Gedächtnis sehr nah beieinander. Stimuliert man dieses Hirnareal nun mit Musik, die Emotionen auslöst, dann werden automatisch auch biographische Gedächtnisfunktionen mit aktiviert. Man öffnet mit Hilfe von Musik und Gefühlen also gleichsam einen Tunnel, und wenn die Bahn frei ist, werden selbst bei Alzheimer-Patienten in einem späten Stadium auch allerlei persönliche Erinnerungen zugeschaltet.

Stimmt es, dass Ihre ersten musikalischen Erinnerungen Mozart- Symphonien und Marschmusik sind?

Kuriose Mischung, nicht wahr? Aber mein Vater war Offizier, und wir hatten viele Schallplatten mit Marschmusik zu Hause. Als Kind gefiel mir dieser Musikstil sehr. „Daduffda“ nannte ich ihn. „Daduffda hören!“ wollte ich ständig. Meine Eltern liebten aber auch Mozart. Einige Mozart-Symphonien habe ich noch so genau im Ohr, dass ich mit Sicherheit sagen kann: Die Aufnahme, die wir damals zu Hause hatten und die leider verschollen ist, habe ich später weder auf Schallplatte noch auf CD irgendwo wiedergefunden.

Es soll Berichte über Parkinson- Patienten geben, die kaum mehr gehen können, aber zu Musik das Tanzbein schwingen.

Das hat mich selbst sehr verblüfft. Parkinson wird ja auch „Schüttellähmung“ genannt. In fortgeschrittenem Stadium zittern die Betroffenen sehr stark, und falls sie überhaupt noch gehen können, kommt es dabei immer wieder zu Blockaden, bei denen die Bewegung vorübergehend stockt. Macht man hingegen Musik an, kann derselbe Patient oft tatsächlich plötzlich Walzer tanzen.

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