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Neurologie : „Musik verändert die Chemie des Hirns“

  • -Aktualisiert am

Stimmt es, dass Sie für Ihre Dissertation nur ein Jahr gebraucht haben?

Elf Monate.

Was waren dabei Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Als ich Versuchspersonen über Kopfhörer abwechselnd verbale Botschaften und Akkordfolgen vorspielte, sah ich im EEG unter anderem, dass, wenn die Probanden eine unharmonische Akkordfolge hörten, in ihrem Gehirn ganz ähnliche Schaltkreise aktiviert wurden wie beim Hören grammatikalisch falscher Sätze wie zum Beispiel „Die Affen haben Bananen essen.“ Und selbst wenn Testpersonen gar nicht bewusst wahrnahmen, dass eine Akkordfolge seltsam klang, zeigte sich in ihrem Gehirn deutlich dieses Aktivierungsmuster, das auf Irritation hinweist.

Eine 35.000 Jahre alte Schwanenflügelknochen-Flöte aus der Eiszeit

Ist das Gespür für musikalische Harmonien also angeboren?

Nein. Aber das Potential, solche Regeln sehr rasch zu erlernen, ist angeboren – ähnlich wie die Voraussetzungen zum Spracherwerb. Überhaupt gibt es viele Parallelen zwischen Sprache und Musik: Die Grammatiken unterschiedlicher Sprachen ähneln einander ja nur bedingt. Und auch was in der Musik als harmonisch gilt, hängt vom jeweiligen Kulturkreis ab. Sprache ist letztlich eine Spezialform von Musik – sozusagen „Musik, die von nur einer Person gleichzeitig gemacht wird“, mit Klängen, die ganz spezielle Bedeutungen haben.

Träumt jeder Geiger davon, eine Stradivari zu spielen?

Ich mit Sicherheit nicht. Stradivari-Geigen werden total überschätzt. Die einzigartige Qualität dieser Instrumente, die mehrere Millionen Euro kosten, ist ein Mythos. Wissenschaftliche Experimente haben das klar gezeigt: Als Spitzenmusiker, durch einen Vorhang verdeckt, auf unterschiedlichen Geigen das gleiche Stück spielten, empfand die Mehrheit der Zuhörer – und zwar sowohl Profimusiker als auch Laien – den Klang moderner, preiswerter Violinen als voller und schöner als denjenigen einer Stradivari-Geige.

Warum hält sich der Mythos dieser Instrumente dennoch?

Das hat mit der Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu tun: Glaubt unser Gehirn, dass etwas ganz toll und kostbar ist, dann nehmen wir es auch als ganz toll und kostbar wahr. Wenn ich Ihnen zum Beispiel ein Glas Wein anbiete und nebenbei erwähne, der Tropfen stamme aus einem weltberühmten Weingut und die Flasche koste 50 Euro – dann wird Ihnen der Wein besser schmecken, als wenn Sie gesagt bekommen, dass er nur fünf Euro koste.

„Musik ist spezifisch menschlich“, behaupten Sie. Dabei sind beispielsweise Papageien doch auch musikalisch. Und in Thailand gibt es sogar ein Elefanten-Orchester.

Bei diesem sogenannten Elefanten-Orchester machen eigentlich Menschen die Musik, und Elefanten sind darauf dressiert, mit dem Rüssel irgendwelche Rasseln zu schütteln, so dass das möglichst wenig störend auffällt. Und der Papagei auf dem populären Youtube-Video aus Kalifornien? Er bewegt seinen Kopf im Rhythmus der Musik der Backstreet Boys, richtig. Was das Video jedoch nicht zeigt, ist die Besitzerin des Papageis, die ihm – hinter der Kamera – diese Bewegungen vorturnt.

Verstehe. Aber Sie werden sicher nicht bestreiten wollen, dass Wale sehr eindrucksvoll singen.

Die Lieder dieser Meeressäuger sind in der Tat faszinierend. Das Entscheidende ist jedoch: Wale singen weder im Chor noch zu einem gemeinsamen Rhythmus. Sie schwimmen zwar in Gruppen, singen aber abwechselnd. Außer dem Menschen gibt es keine Spezies, deren Individuen ihre Stimmen zu einem gemeinsamen Rhythmus synchronisieren: weder Papageien noch Singvögel noch Wale oder Menschenaffen. Ausschließlich Menschen kommen zusammen, singen gemeinsam „Heijo!“, klatschen im Takt in die Hände und stampfen und tanzen im Rhythmus. Gemeinsames Musizieren ist das, was den Menschen vom Tier unterscheidet.

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