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Kosmetika : Schöner leiden

  • -Aktualisiert am
Für verstärktes Wimpernwachstum nehmen manche Frauen sogar das Risiko ernster Nebenwirkungen in Kauf.
Für verstärktes Wimpernwachstum nehmen manche Frauen sogar das Risiko ernster Nebenwirkungen in Kauf. : Bild: Picture-Alliance

An solchen Beispielen zeige sich, dass eine Behörde wie die FDA lediglich einen Bruchteil der Daten erfasse, heißt es in dem „Jama“-Bericht. Offenbar gebe es beträchtliche Lücken im System, was die Marktregulierung von Kosmetikprodukten angehe. Dies gilt nicht zuletzt für sogenannte Cosmeceuticals, schon dem Namen nach Zwitter aus Schönheits- und Arzneimittel. Ihre Inhaltsstoffe haben letztlich eindeutige pharmakologische Wirkungen wie Medikamente, unterliegen aber als Kosmetikprodukt nicht den gleichen Zulassungsvoraussetzungen. Zuletzt haben „Wimpernseren“, die Prostaglandin-Abkömmlinge enthalten, als Kombination aus Arznei und Schönheitsmittel von sich reden gemacht. Es handelt sich um PGF-2-Alpha-Analoga, deren Wirkung auf das Wachstum von Wimpern zufällig entdeckt wurde. Denn diese Mittel werden eigentlich dazu verwendet, den Augeninnendruck beim grünen Star (Glaukom) zu senken, und hierfür ins Auge getropft. So gelangten sie aber auch an die Wurzeln der Wimpern und verstärkten deren Wachstum – manche Patientinnen zeigten sich über diese Nebenwirkung beglückt –, so wurde ein Schönheitsserum daraus.

Unbekannte Nebenwirkungen

Zwar sind Glaukommittel hierzulande verschreibungspflichtig, auch in Wimpernseren. Allerdings sind in manchen dieser Produkte „lediglich“ die Abkömmlinge von Prostaglandinanaloga, was diese Seren zu frei verkäuflichen Schönheitsmitteln macht. Ob und in welchem Ausmaß diese die aus der Glaukombehandlung bekannten unerwünschten Nebenwirkungen wie Jucken, gerötete Augen oder auch Kopfschmerzen hervorrufen, ist nicht bekannt, weil nicht untersucht. Wenn sie wie Prostaglandinanaloga wirken – und das sollten sie, wenn sie die Wimpern verlängern –, verändern sie womöglich auch den Augeninnendruck und führen zu falschen Befunden beim Augenarzt. Für ein ungeborenes Kind sind Prostaglandin-Abkömmlinge ebenfalls nicht ungefährlich, daher enthalten sie als Arzneimittel einschlägige Warnhinweise für Frauen im gebärfähigen Alter.

Derartige Beispiele zeigen, wie nahe Kosmetikprodukte an Medikamente heranreichen, obwohl beide in ihrem Nebenwirkungspotential gänzlich anders eingeschätzt werden und auch völlig andere Bedingungen erfüllen müssen, bevor sie an den Verbraucher gelangen. In Deutschland ist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) für die Einschätzung der gesundheitlichen Risiken von Kosmetika zuständig (www.bfr.bund.de). Hier ist eine eigene wissenschaftliche Kosmetik-Kommission angesiedelt, die bei Bedarf Inhaltsstoffe von Kosmetika in Bezug auf ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit bewertet.

Gleichwohl heißt es auf Seiten des BfR: „Kosmetische Mittel sind nicht zulassungspflichtig.“ Zugelassen werden müssen nur bestimmte Zusatzstoffe, etwa Konservierungsmittel, aber für Kosmetika als solche gelten eben nicht die strengen Bedingungen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Das ist in vielen Ländern ähnlich. Schon vor zwei Jahren hat daher in den Vereinigten Staaten eine Senatorin aus Kalifornien, Diane Feinstein, ein Gesetz auf den Weg gebracht („Personal Care Products Safety Act“), das nicht nur zur Sicherheitsüberprüfung von häufig in Kosmetika enthaltenen Produkten verpflichten sollte. Es soll auch die dort zuständige FDA-Behörde mit dem Recht ausstatten, bestimmte Produkte rasch vom Markt nehmen zu können und die Hersteller verpflichten, die bei ihnen eingehenden Beschwerden der FDA zu melden. Zumindest die Bedingungen der strengeren Marktüberwachung, wie sie für Arzneimittel nach der Zulassung gelten, würden so zum Teil auch für Kosmetika verpflichtend.

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