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Der digitale Arztersatz : „Mit Maschinen kann man nicht diskutieren“

  • -Aktualisiert am

Der Computer liefert Bilder. Die Entscheidung muss am Ende der Arzt treffen. Bild: Frank Röth

Müssen sich Patienten darauf einstellen, ihre Gesundheit bald vollständig künstlichen Intelligenzen anzuvertrauen? Der Medizinethiker Eckhard Nagel erklärt im Interview, warum er diesbezüglich skeptisch ist.

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          Herr Professor Nagel, ist es ethisch vertretbar, den menschlichen Arzt durch eine Maschine zu ersetzen?

          Wenn es darum geht, wichtige oder sogar lebenswichtige Entscheidungen zu treffen, muss die Antwort nein lauten. Schon deshalb, weil man solche Entschlüsse gemeinsam mit dem Patienten treffen muss. Selbstbestimmt über sein Schicksal entscheiden kann dieser aber nur, wenn ihm ein Arzt seine Fragen beantwortet, ihm Diagnosen erläutert und therapeutische Handlungsoptionen aufzeigt. Und das ist keine tabellarische Kalkulation, sondern ein kommunikativer Prozess. Also nichts, was Künstliche Intelligenz leisten könnte.

          Fehlen dem Computer noch andere Eigenschaften, die ihn als Arztvertreter undenkbar machen?

          Nehmen wir ein Beispiel aus der Radiologie: Wir haben gestern in unserer Klinik ein Kind geröntgt, bei dem wir eine Lungenentzündung befürchteten. Die konnte der Röntgenarzt zum Glück schnell ausschließen. Heute bekam ich dann den ausführlichen Befund. Tatsächlich hat der Kollege dennoch sicherheitshalber potentielle Auffälligkeiten auf der Aufnahme beschrieben. Diese spielten aber, schreibt er, vor dem Hintergrund der Krankengeschichte und der Symptome des Patienten keine Rolle. Das zeigt: Zwischen den sichtbaren Veränderungen auf dem Röntgenbild, die mir auch ein Computer so beschreiben könnte, und dem Befund des Arztes gibt es eine klinische Diskrepanz. Maschinen neigen dazu, Daten überzubewerten und die Situation des Patienten nicht angemessen zu beachten. Dank seines Erfahrungsschatzes und des zusätzlichen Wissens über den Kranken ist der leibhaftige Arzt hier deutlich kompetenter. 

          Nun könnte man allerdings auch Maschinen mit den Symptomen und der Krankengeschichte füttern . . .

          Eckhard Nagel ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth.
          Eckhard Nagel ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth. : Bild: Foto Archiv

          Das stimmt, und sie würden – entsprechend programmiert – sicherlich auch Vorschläge äußern, welche Diagnose sie für die wahrscheinlichste halten. Nur: Was soll der Betroffene damit anfangen? Zudem ignoriert dieses Vorgehen den wesentlichen Aspekt der Arzt-Patienten-Beziehung, nämlich die Wahrnehmung des Kranken in seiner Situation und die Einordnung von Gefühlen und Informationen in den Gesamtkontext der Befunde. Das macht den Arzt selbst heute, wo die Menge der Messdaten zunehmend unüberschaubar wird, immer wichtiger. Denn irgendjemand muss all diese Dinge zusammenführen und integrieren.

          Unter welchen Umständen und in welchem Rahmen wäre es Ihrer Meinung nach in der Medizin vorstellbar, menschliche Intelligenz durch eine künstliche zu ersetzen?

          Ich glaube, dass die Technik uns Ärzten helfen kann, an anderer Stelle nicht die Orientierung zu verlieren. Ich kann zum Beispiel bei der Verschreibung eines Medikaments nicht immer alle Neben- und Wechselwirkungen im Kopf haben. Wenn mich ein Computer rechtzeitig davor warnt, es falsch einzusetzen, dann halte ich das für eine hilfreiche und absolut positive Entwicklung. Aber die Maschine kann mir nicht die Entscheidung abnehmen, wie ich bei einem kritischen Patienten auf der Intensivstation weiter vorgehen soll. Hier reicht es nicht, einen Algorithmus zu bemühen.

          Warum nicht?

          Weil die Maschine dem Arzt nicht die Verantwortung abnimmt. Die Vorstellung, keine Radiologen mehr auszubilden, wäre deshalb gleichbedeutend mit der Idee, in Zukunft statt Piloten nur noch Computer ins Cockpit zu setzen. Die können ja auch fliegen. Kein Mensch würde sich in ein Krankenhaus begeben, in dem er sein Schicksal in die Hände eines Automaten legt – er will sich einem Partner anvertrauen, der als Arzt Verantwortung für und mit ihm übernimmt.

          Manche Radiologen würden gerne einen maschinellen Bildbewerter als Berater hinzuziehen oder denken an einen KI-Sicherheitsassistenten, der ihnen bei der Arbeit über die Schulter schaut. Was halten Sie als Medizinethiker von dieser Idee?

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