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Wundballistik : Die Armbrust als Tatwaffe

  • -Aktualisiert am

In moderner Form eine Präzisionswaffe, die keine besonderen Kunstfertigkeiten erfordert Bild: Picture-Alliance

Als das Schießpulver erfunden wurde, geriet sie fast in Vergessenheit. Heute wird die Armbrust von manchen Fans wieder hervorgeholt. Der aktuelle Fall aus Passau macht den Ermittlern weiterhin zu schaffen.

          Aus achtzig Schritt Entfernung sollte Wilhelm Tell den Apfel vom Kopf seines Sohnes schießen, so befahl es der tyrannische Landvogt Gessler in Schillers Drama. Dass Tell dabei eine Armbrust in der Hand hielt, war kein Zufall. Die imaginäre Geschichte spielt im Spätmittelalter, als die Armbrust die bevorzugte Kriegswaffe war. Immerhin, Tell traf den Apfel und verschonte sein Kind. Dafür schoss er später dem Gessler einen Pfeil zielgenau ins Herz.

          Heute wird die Armbrust gelegentlich noch bei der Jagd eingesetzt, im Kampf Mensch gegen Mensch wurde sie bereits Ende des 16. Jahrhunderts von der Schusswaffe abgelöst. Populär geblieben ist die Armbrust als Sportgerät und in der Mittelalterszene. Diese Subkultur geriet vergangene Woche in die Schlagzeilen, weil fünf ihrer Anhänger tot aufgefunden wurden. Zwei Frauen und ein Mann wurden in Passau durch Pfeile getötet, teilten die Ermittler mit. Die beiden anderen Frauen starben im niedersächsischen Wittingen, Armbrüste oder Pfeile wurden hier keine gefunden, aber diese beiden Toten standen mit den drei in Passau in Verbindung. Die Polizei geht bislang davon aus, dass es sich um Tod auf Verlangen und Selbstmord gehandelt hat.

          Unfälle mit Mittelalterwaffen nehmen zu

          Mysteriös sind die Fälle allemal, vor allem wegen der Tatwaffe. Mehrere Gutachten sind mittlerweile in Auftrag gegeben worden, bis Ergebnisse vorlägen, könne es Wochen dauern, heißt es. Zuständig ist üblicherweise die Ballistik, genauer gesagt die sogenannte Wundballistik. In der Fachliteratur finden sich nur wenige vergleichbare Beispiele. Allerdings beobachten Chirurgen und Rechtsmediziner solche Fälle seit einigen Jahrzehnten wieder etwas häufiger. Dabei handelt es sich meist um Sport- und Jagdunfälle, die infolge der Renaissance solcher Mittelalterwaffen wieder öfter vorkommen. Doch in der Statistik tauchen durchaus auch Morde, Mordversuche, Suizide und Suizidversuche auf, die mit der Armbrust begangen wurden.

          Jedenfalls geht das aus einer Dissertation hervor, die der inzwischen verstorbene Mediziner und Mathematiker Hubert Sudhues an der Universität Münster im Jahr 2004 verfasst hat. Darin beschäftigte er sich mit der Wundballistik bei Pfeilverletzungen von Bögen und Armbrüsten, die offenbar bis dato nicht systematisch untersucht worden waren. Die Arbeit bietet einen Überblick über die Verletzungsmuster, die Sudhues in eigenen Experimenten untersucht hat. Die vergleichsweise hohe Zahl an Suiziden und Tötungsdelikten mit der Armbrust erklärte er sich damit, dass solche Waffen sehr leicht erhältlich sind und dass es „keines Trainings und keiner Geschicklichkeit“ bedarf, um damit zuverlässig zu treffen. Hubert Sudhues selbst hatte es ohne Übung schon am ersten Tag geschafft, ein Ziel aus 15 Meter Entfernung wiederholt zu treffen.

          Ihre einfache Handhabung war auch der Grund, warum die Armbrust am Ende des Mittelalters den Bogen als Kriegswaffe verdrängte. Armbrustschützen waren leichter auszubilden und somit billiger. Im Vergleich dazu erforderte die sichere Beherrschung des Bogens jahrelanges Training, gute Bogenschützen musste man sich leisten können. Erfunden wurde die Armbrust allerdings nicht erst im Mittelalter, sondern schon deutlich früher, etwa 400 Jahre vor Christus in China. Die neue Erfindung muss sich damals schnell ausgebreitet haben, von Nordindien bis nach Europa. Die Griechen nannten die antike Armbrust „Gastraphetes“ (wörtlich „Bauch-Schleuderer“), ihre Weiterentwicklung zur Kriegswaffe scheiterte aber wohl lange an der niedrigen Schussfrequenz. Pfeil und Bogen blieben alles in allem für Jahrtausende die dominierende Distanzwaffe und haben im Laufe der Geschichte wahrscheinlich mehr Menschen getötet als jede andere Waffe.

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