https://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/depressionen-psilocybin-auswirkung-aus-magic-mushrooms-im-gehirn-17951649.html

Therapie von Depressionen : Wie das Psilocybin aus den „magic mushrooms“ im Gehirn wirkt

So sehen sie aus, die Zauberpilze. Der Wirkstoff Psilocybin aus psychedelischen Pilzen wird nun auch in der Behandlung von Depressionen erprobt. Bild: dpa

Halluzinogene Substanzen werden gerne als Partydrogen konsumiert – doch Studien haben nachgewiesen, dass sie auch gegen Depressionen helfen. Was Psilocybin genau im Gehirn depressiver Menschen bewirkt, haben nun Londoner Forscher untersucht.

          2 Min.

          Vielen Menschen mit schweren Depressionen helfen herkömmliche Medikamente und Therapien nicht. Sie gelten als „therapieresistent“. Lange gab es für sie kaum Hoffnung, denn auf innovative Ansätze für Arzneien zur Behandlung von Depressionen wartet man vergeblich. Eine Renaissance in der Depressionsforschung erleben derzeit die sogenannten Psychedelika, also halluzinogene Substanzen, die Rauschzustände auslösen können und darum zum Genuss konsumiert werden. Dazu gehört Lysergsäurediethylamid, kurz LSD, aber auch das Alkaloid Psilocybin, das natürlich in sogenannten „Magic Mushrooms“ vorkommt.

          Johanna Kuroczik
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Verschiedene Studien belegten, dass Psilocybin eine antidepressive Wirkung hat. Wie genau die Substanz allerdings im Gehirn wirkt, war bislang unklar. In „Nature Medicine“ präsentieren nun Forscher um den Neurowissenschaftler Robin Carhart-Harris vom Imperial College London Hinweise darauf, dass Psilocybin die „funktionale Konnektivität“ zwischen verschiedenen Arealen im Gehirn erhöht. Vereinfacht könnte man es so ausdrücken: Bestimmte Nervenzellen kommunizieren nach der Einnahme von Psilocybin mehr miteinander als vorher. Depressive leiden meist unter starren negativen Denkweisen, über sich selbst und die Zukunft, und sind in darin regelrecht festgefahren. Psychologen vermuten, dass Halluzinogene diese Muster auflockern könnten.

          Für die aktuelle Studie wurden insgesamt 59 Patienten mit schweren Depressionen behandelt, in zwei unterschiedlichen Versuchen. Zum einen erhielten 16 Patienten zwei Dosen Psilocybin im Abstand von einer Woche, anschließend wurde mit einem sogenannten funktionellen MRT-Scan ein Bild ihres Gehirns angefertigt. Damit ließ sich zusätzlich die Durchblutung und somit Aktivität von bestimmten Regionen im Denkorgan abbilden. Hier zeigte sich die erhöhte Konnektivität zwischen den Gehirnarealen. „Die erhöhte funktionelle Verbindung könnte einer beschriebenen subjektiven erhöhten Flexibilität und emotionaler Entspannung entsprechen“, sagt Matthias Liechti, Professor für klinische Pharmakologie am Universitätsspital Basel. An der aktuellen Studie war er nicht beteiligt, doch er forscht schon lange zur Wirkung von Psychedelika. Bei Gesunden wurde der Effekt von Psilocybin auf die Hirnfunktion schon im MRT, also dem Magnetresonanz-Tomographen, untersucht, berichtet er.

          Der zweite Untersuchung war eine doppelblinde, randomisierte Studie mit 43 Patienten, bei der die Wirkung von Psilocybin mit der von Escitalopram verglichen wurde. Die eine Gruppe Patienten erhielt zwei wirksame Dosen Psilocybin im Abstand von drei Wochen und dazu über mehrere Wochen ein Placebo-Medikament. In der Kontrollgruppe bekamen die Probanden Psilocybin in so niedriger Dosis, dass es als Placebo gelten kann, und nahmen sechs Wochen lang das Antidepressivum Escitalopram ein. Tatsächlich zeigten sich die Probanden, die Psilocybin erhalten hatten, weniger depressiv als diejenigen, die das gängige Medikament eingenommen hatten. Diese Wirkung hielt auch noch drei Wochen später an. Auch bei diesen Probanden zeigten sich im Gehirn funktional die gleichen Veränderungen, dass also die Konnektivität erhöht war.

          Zwar sorgt die aktuelle Forschungsarbeit für Aufregung, zumal sie in einem prominenten Fachjournal publiziert wird. „Die vorliegende Publikation beschreibt aber keine neue Studie oder neue klinische Daten“, sagt Liechti. Neu sei also nur die Beschreibung der Bildgebungsdaten und ihre Verbindung mit dem therapeutischen Effekt. „Leider fehlt eine Analyse zur Korrelation zwischen akuter Wirkung und anhaltender Wirkung von Psilocybin und auch eine Analyse der Korrelation zwischen akuter subjektiver Wirkung und der Bildgebung.“ Bis Psilocybin also in umfangreichen klinischen Studien erprobt werden kann, wird es wohl noch dauern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Globale Lieferketten: Der HHLA Container Terminal Altenwerder (CTA) in Hamburg ist eines der weltweit modernsten Containerterminals.

          Ökonomin im Interview : „Wir werden ärmer“

          Dalia Marin erforscht die globalen Handelsbeziehungen. Sie glaubt nicht an das Ende der Globalisierung. Doch sie warnt: Wir müssen uns in Zukunft stärker gegen geopolitische Risiken absichern – auf Kosten des Wachstums.
          Home of the Bonuszahlungen: der Sitz des RBB an der Berliner Masurenallee.

          Nur nicht für Schlesinger : RBB legt Bonuszahlungen offen

          Der RBB veröffentlicht die Bonuszahlungen für sein Spitzenpersonal. Bis dato wurde bestritten, dass es sie gibt beziehungsweise: Sie waren geheim. Die Zusatzverdienste sind beträchtlich. Und ein Name fehlt in der Gehaltsliste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.