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Depressionen : Die beste aller Welten für das Kind

  • -Aktualisiert am

3000 Familien sollen untersuchen werden Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Stress, Unglück, die Gene: Was ist schuld am Ausbruch einer Depression? Eine Schweizer Studie will das ergründen. An dreitausend Familien, zwanzig Jahre lang.

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          „Steh auf!“ „Ich kann nicht.“ - „Geh einfach mal raus!“ „Ich kann nicht.“-“Hör auf zu heulen!“ „Ich kann nicht.“ - „Zieh dich an!“ „Ich kann nicht.“ - „Stell dich nicht so an!“ „Tu ich nicht.“ (Extrem daneben auch: „Lach doch mal!“)

          Wenn das Leben bloß so einfach wäre, wie sich Menschen ohne Depression das vorstellen. Man versteckt sich nicht aus Koketterie hinter diesem dunklen Vorhang, um irgendwann fröhlich wieder hervorzuspringen. Depression ist trotz Brooke Shields oder Sebastian Deisler immer noch tabuisiert, Angststörungen werden als seelische Wehwehchen diffamiert. Die Folgen der psychischen Erkrankung sind aber gravierend: Bis zu 70 Prozent der Depressionsgeplagten leiden unter Selbstmordgedanken, traurige 30 Prozent versuchen sich an der Umsetzung. Psychische Störungen werden laut WHO bis 2020 zweithäufigster Grund vorzeitiger Sterblichkeit und massiver Lebensbeeinträchtigung sein. Vielleicht ein Grund, warum Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Bekämpfung von depressiven Erkrankungen als nationales Gesundheitsziel ausgerufen hat.

          „Sesam“

          Einen echten Schritt in diese Richtung will aber die Schweiz gehen. Sie finanziert als nationalen Forschungsschwerpunkt das Großprojekt „Sesam“ (“Swiss etiological study of adjustment and mental health“). Diese über 20 Jahre geplante Dreigenerationenstudie will an 3000 Familien untersuchen, wie das Zusammenwirken unterschiedlicher sozialer, psychologischer, biologischer und genetischer Faktoren die Gesundheit der Psyche beeinflußt.

          Manche Weichen für seelische Störungen könnten schon in der Kindheit, andere bereits pränatal gestellt werden. Sesam setzt daher zum frühstmöglichen Zeitpunkt an. Die beteiligten Kinder sind eigentlich noch keine, sondern schwimmen gerade erst die 12. Woche in Mutters Bauch. Die Schwangeren sollen ab Herbst an Schweizer Unikliniken für das Projekt gewonnen werden. Geld gibt es außer einer symbolischen Aufwandsentschädigung nicht, vielleicht einen kleinen Sesam-Strampelanzug. „Im Moment sind wir noch in der Vorbereitungsphase“, erklärt der in Basel lehrende Psychologe Jürgen Margraf, der Direktor des Forschungsschwerpunkts.

          Das Ziel ist ehrgeizig

          Die läuft auf vollen Touren. Nächster Schritt wird sein, die Kernstudie und zwölf Teilstudien zur Begutachtung bei den kantonalen Ethikkommissionen einzureichen, Probleme erwartet Margraf nicht (siehe: Sesam, öffne dich nicht!). Das Ziel ist ehrgeizig: „Die Hauptstudie soll die wichtigsten biopsychosozialen Risiko- und Schutzfaktoren parallel erfassen und in einen Querbezug setzen“, sagt Margraf, „diese Gesamtperspektive kann kein Forscher und keine Disziplin alleine leisten.“ Ultraschall, Verhaltensbeobachtung, Interviews, Fragebögen werden die wichtigsten Instrumente zur Datenerhebung sein, Speichel-, Blut- und Urinproben sollen biologisch-genetische Fragen klären. Sesam ist eine Aufgabe für Psychologen, Neurowissenschaftler, Soziologen, Mediziner, Biologen und Genetiker.

          Das eine, überzeugende Modell für die Entstehung psychischer Erkrankungen gibt es eben nicht. Dafür herrscht zuviel Interaktion zwischen Physis und Psyche. Einfache Antworten wird auch Sesam nicht liefern können. Die spannendsten werden zu erwarten sein, wenn das Projekt zeigt, was uns und unsere Kinder, trotz aller bekannten Risikofaktoren, psychisch gesund hält.

          Zusammenspiel der Generationen

          Zwanzig Jahre sind lang, also raten wir mal: eine glückliche Familie. Sich nicht scheiden lassen, wenn die genetisch vorbelastete, pubertierende Tochter gerade die Schule wechselt. Tatsächlich gilt dem Zusammenspiel der Generationen die besondere Aufmerksamkeit der Forscher. Denn die Qualität familiärer Beziehungen hat maßgeblichen Einfluß auf die gesunde psychische Entwicklung von Kindern. Leidet etwa eine Mutter an Depressionen, tragen ihre Kinder zwar je nach Studie ein zwei- bis vierfaches Risiko, ebenfalls psychisch zu erkranken, sei es an Aufmerksamkeits-, häufiger noch aber an Angststörungen. Vor allem letztere können sich im Erwachsenenalter als Depressionen zeigen. Nach einer Studie der Universität Zürich quälen sich elf Prozent aller kleinen Eidgenossen zwischen 6 und 16 mit Angststörungen.

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