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Depression : Krank an Herz und Seele

  • -Aktualisiert am

Wer den Herzinfarkt überstanden hat, leidet nachher oft unter Depressionen Bild: dpa

Erkrankungen des Herzens gehen oft mit einer Depression einher. Doch wenn psychische Störungen körperlichen Erkrankungen begleiten, wird ihnen oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Und das, obwohl sie ungünstig auf das Herzleiden zurückwirken können.

          3 Min.

          Das Herz steht für Vitalität und Leistungsfähigkeit wie kein anderes Organ. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Herzkranke sich in ihrer Lebenskraft elementar bedroht sehen und mit depressiven Symptomen auf ihr Leiden reagieren, also antriebslos sind, sich niedergeschlagen fühlen und keine Freude mehr empfinden können.

          Tatsächlich zeigen 30 bis 40 Prozent der Patienten, die zum Beispiel einen Herzinfarkt überstanden haben oder an einer instabilen Angina pectoris leiden, solche Symptome. Etwa bei der Hälfte von ihnen entwickelt sich eine ausgeprägte Depression. Und diese müsse behandelt werden, forderten Experten für Psychokardiologie auf dem Jahreskongress der beiden deutschen Fachgesellschaften für Psychosomatische Medizin, der in der vergangenen Woche in Nürnberg stattgefunden hat.

          Massiver Verlust an Lebensqualität

          Die psychische Störung bedeute einen massiven Verlust an Lebensqualität und verschlechtere außerdem die Prognose bezüglich des weiteren Verlaufs der Herzerkrankung, sagte Christian Albus von der Psychosomatischen Universitätsklinik Köln.

          So hat eine Analyse ergeben, dass das Sterblichkeitsrisiko von Patienten mit koronarer Herzkrankheit auf mehr als das Doppelte erhöht ist, wenn diese zugleich an einer Depression leiden. Diese psychische Erkrankung müsse deshalb als eigener Risikofaktor verstanden werden, argumentiert der Autor der Studie, Jürgen Barth von der Universität Freiburg.

          Zusammenhang mit Entzündungen

          Nach Überzeugung von Psychosomatikern verschlechtert die Depression den Verlauf einer Herzerkrankung auf zweierlei Weise. Zum einen fördere sie ein gesundheitsschädigendes Verhalten, denn die Fähigkeit, Vorsätze zu bilden und einzuhalten, sei direkt an die motivationale Lage geknüpft, und die wiederum korreliere mit der Depressivität, sagte Albus. Zum anderen löse sie langfristig krankmachende physiologische Vorgänge aus.

          Die Depression sei von einer Fehlfunktion des autonomen Nervensystems – vor allem von einer verminderten Variabilität der Herzfrequenz – begleitet sowie von Stoffwechselstörungen wie der Insulinresistenz. Außerdem gibt es Hinweise auf einen Zusammenhang mit Entzündungen.

          So fanden sich bei Depressiven erhöhte Mengen etwa von C-reaktivem Protein, Interleukin-6 oder Tumornekrosefaktor. Nach Angaben von Alan Rozanski von der Kardiologischen Abteilung der Columbia University in New York wird dadurch wiederum die Atherosklerose gefördert, also die „Verkalkung“ der Herzkranzgefäße.

          Entstehung von Herzleiden gefördert?

          Wenn die Depression Verhaltensweisen und körperliche Prozesse begünstigt, die eine koronare Herzkrankheit verschlechtern, wieso sollte sie dann nicht auch deren Entstehung fördern? Dass sie das macht, legt zumindest eine Studie nahe, die Lawson Wulsin von der University of Cincinnati vorgenommen hat. Sie beruhte auf der Analyse der einschlägigen medizinischen Publikationen.

          „Gemessen am Nichtdepressiven hat der Depressive ein um 64 Prozent höheres Risiko, in Zukunft eine koronare Herzkrankheit zu entwickeln“, fasste Christoph Herrmann-Lingen von der Psychosomatischen Universitätsklinik Marburg die Ergebnisse der amerikanischen Studie zusammen.

          Maßgeschneiderte Psychotherapie

          Psychischen Störungen wird offenbar besonders dann, wenn sie begleitend zu körperlichen Erkrankungen auftreten, zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Deutlich weniger als die Hälfte der Depressiven würden in der kardiologischen Grundversorgung überhaupt als solche erkannt, und selbst wenn der Herzspezialist die Depression wahrnehme, messe er ihr häufig keinen Krankheitswert bei, sagte Herrmann-Lingen. Dabei lasse sich leicht verlässlich prüfen, ob eine depressive Störung vorliege.

          Zwei große amerikanische Studien haben gezeigt, dass eine Behandlung mit Antidepressiva nur bei schwer depressiven Patienten mit einer Erkrankung der Herzkranzgefäße sinnvoll ist. In diesen Fällen seien die selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer Mittel der Wahl, weil sie keine bedeutsamen Nebenwirkungen auf das Herz hätten, so die vorherrschende Meinung unter den Experten.

          Welchen Effekt eine speziell auf solche Patienten zugeschnittene Psychotherapie hat, wollen Psychosomatiker und Kardiologen nun in einer aufwendigen Studie erstmalig in Deutschland prüfen. Ob eine psychotherapeutische oder medikamentöse Behandlung der Depression auch den Verlauf der Koronarerkrankung positiv beeinflusst, wird derzeit heftig diskutiert. Die Ergebnisse zweier amerikanischer Studien sprechen nicht dafür, doch diese Untersuchungen sind aufgrund methodischer Schwächen stark in die Kritik geraten.

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