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Dengue-Fieber : Mit einer Ladung Autoreifen nach Europa

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Weil über die Meldepflicht nur Erkrankungen erfasst werden, bei denen die Ärzte ein Dengue-Fieber in Betracht gezogen haben, sei die Dunkelziffer vermutlich weitaus höher. Schmidt-Chanasit schätzt, dass sich mindestens zehnmal so viele Deutsche im Ausland durch einen Mückenstich infizieren. Doch innerhalb Deutschlands bestehe noch keine Infektionsgefahr, weil es hierzulande noch keine Tigermücken gebe. Allerdings sei mit einer Einschleppung aus der Schweiz zu rechnen. Im vergangenen Jahr haben sich auch erstmals Reisende in Europa mit Dengue angesteckt, zwei Personen im südfranzösischen Nizza und ein Mann in Kroatien.

Ob das Dengue-Fieber einen kritischen Verlauf nimmt, hängt neben den individuellen Risiken, die jeder einzelne Patient mitbringt, vor allem davon ab, ob es sich um einen Erstkontakt mit dem Virus handelt oder um eine Zweitinfektion mit einem anderen Serotyp. Dengue-Viren treten in vier verschiedenen Serotypen auf. Anders als bei anderen Viruserkrankungen schützen die Antikörper der Erstinfektion nicht gegen die anderen Varianten, sondern können die Infektion verstärken.

Überschießende Immunreaktion

Wie Gavin Screaton vom Imperial College in London und seine Kollegen im letzten Jahr gezeigt haben, sind dafür vor allem Antikörper gegen ein Protein auf der Außenseite des Virus verantwortlich, das erst im Laufe der Virusreifung zurechtgeschnitten und in seine aktive Form gebracht wird („Science“, Bd. 328, S. 745). Weil die Antikörper gegen die nicht zurechtgestutzte Version des Proteins das Dengue-Virus nicht vollständig neutralisieren können, werden die Komplexe aus Antikörper und Virus über einen speziellen Rezeptor in verschiedene Immunzellen gehievt, wo sie dann weiterverarbeitet werden sollen.

Auf diese Weise gelange das Virus auch in Zellen, für die es eigentlich keine Eintrittskarte habe, kommentierte Alexander Schmidt von den National Institutes of Health in Bethesda im „New England Journal of Medicine“ (Bd. 363, S. 484) die Ergebnisse der Londoner Arbeitsgruppe. Bei einer Zweit-, Dritt- oder Viertinfektion wird der Körper also über diese inkompetenten Antikörper mit einer sehr viel größeren Menge an Viren überschwemmt als bei einer Erstinfektion. Das führt zu einer überschießenden Immunreaktion und erhöht das Risiko für einen hämorrhagischen Schock. Früher traten die verschiedenen Serotypen nur selten nebeneinander auf.

Ein Risiko auch durch Blutspenden?

Durch die rasante Ausbreitung der Viren werden Zweitinfektionen immer häufiger, was die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Krankheitsverlauf erhöht. Dass Antikörper eine nachteilige Wirkung haben können, hat auch Konsequenzen für die Impfstoffentwicklung. Ein Impfstoff wird vermutlich nur dann gegen Dengue schützen, wenn er alle vier Serotypen vollständig neutralisieren kann. Ansonsten ist die Gefahr zu groß, dass die Infektion durch die Antikörper verstärkt wird.

Unlängst hat sich auch der am Robert Koch-Institut angesiedelte „Arbeitskreis Blut“ des Bundesgesundheitsministeriums mit dem Dengue-Virus beschäftigt („Bundesgesundheitsblatt“, Bd. 54, S. 892). Weil in der ersten Krankheitswoche große Mengen an Dengue-Viren im Blut zirkulieren, kann das Virus auch durch Blut und Blutprodukte übertragen werden. Allerdings sind weltweit bislang nur drei Fälle bekannt geworden, zwei aus Hongkong und einer aus Singapur. Der „Arbeitskreis Blut“ ist der Ansicht, dass angesichts des geringen Infektionsrisikos für deutsche Touristen noch keine neuen Regelungen nötig sind. Die bestehenden Vorschriften sehen vor, dass Reisende, die sich in einem Malaria-Risikogebiet aufgehalten haben, sechs Monate lang kein Blut spenden dürfen. Nach einem Fieber darf vier Wochen lang nicht gespendet werden. Diese Einschätzung wird allerdings zu überdenken sein, wenn man sich auch in Deutschland mit Dengue infizieren kann. Wie Schmidt-Chanasit sagt, beschäftigt sich derzeit auch das amerikanische Rote Kreuz mit diesem Problem, weil sich Dengue dort schon in einigen Bundesstaaten ausgebreitet hat.

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