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Demenzkranke : Perspektivenwechsel in der medizinischen Betreuung

  • -Aktualisiert am

Ulrich Fey - Der frühere Lehrer und F.A.Z.- Redakteur besucht als Clown regelmäßig Demenzkranke in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Umgang mit Demenzkranken ist von Mutlosigkeit geprägt. Eine Tagung thematisierte nun, wie man sich einer neuen Form der „Verwahrpsychiatrie“ entgegenstemmen könnte.

          Demenz und Person“ - so lautete das Thema, das im Mittelpunkt einer Tagung der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften in Düsseldorf stand. Die Tagung markierte den Abschluss von vier vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekten zur Ethik der Behandlung von Demenzkranken. Die israelische Demenzforscherin Jiska Cohen-Mansfield ließ in ihrem Eröffnungsvortrag keinen Zweifel an der Brisanz des Themas: Der ärztliche Direktor einer großen Einrichtung für Demenzkranke in Israel habe wenige Tage zuvor gesagt, bei Problemen der Betreuung gehe es ja wohl eher um die Betreuenden. Für die Kranken könne man ja ohnehin nichts mehr tun. Diese Auffassung sei weit verbreitet. Die Demenzmedizin sei weithin kustodial orientiert. Die Kranken würden verwahrt und gepflegt. Sicherheit und Kontrolle als „Therapie“- Ziele gingen zu Lasten von Autonomie und Lebensqualität.

          Die Situation erinnert an die Verwahrpsychiatrie vor der Reform der siebziger Jahre. Damals galt für die Menschen mit psychotischen Störungen: Für sie könne man nichts tun; sie bekämen nicht mehr mit, was mit ihnen geschehe. Schwere Hospitalisierungsschäden waren die Folge. Das hatte auch mit dem in Medizin und Öffentlichkeit verbreiteten Bild von Menschen mit schizophrenen Psychosen zu tun. Die stigmatisierende Krankheitsbezeichnung „Dementia Praecox“, die der große Emil Kraepelin geprägt hatte, war gleichsam Programm. Von „vorzeitiger Verblödung“ war die Rede. Dieses Bild von den schizophreniekranken Menschen markierte den Beginn der Verwahrpsychiatrie. Es dauerte Jahrzehnte, bis das Gegenkonzept Eugen Bleulers (der Bruder einer schizophrenen Schwester war) sich durchsetzte. Bleulers engagierte Maximen: „Dem Schizophrenen bleibt das Gesunde erhalten“ und „Die Schizophrenietherapie ist die dankbarste für den Arzt“ wurden nur mit großer Verzögerung akzeptiert.

          Vielversprechende Behandlungsformen

          Der Umgang mit den Demenzerkankungen ist heute von ähnlicher Mutlosigkeit geprägt wie die Psychose-Psychiatrie vor vierzig Jahren. Das gilt es zu ändern. Nur durch einen Perspektivenwechsel lasse sich das Schicksal der Demenzkranken und ihrer Angehörigen erleichtern. In Düsseldorf bestand Übereinstimmung unter Referenten und Diskutanten, dass ein solcher Weg aussichtsreich ist. Zwar sind die Demenzen schwere neuropsychiatrische Erkrankungen, die der medikamentösen Behandlung nur begrenzt zugänglich sind. Andererseits ist bekannt, dass allgemeine Maßnahmen wie die konsequente Behandlung von Hypertonie und Diabetes, gesunde Ernährung und viel Bewegung bei gefährdeten Personen präventiv wirken. Im Frühstadium der Erkrankung verzögern sie den Verlauf und gewährleisten eine gute Lebensqualität.

          Außerdem stehen wirksame Interventionen mit Hilfe von psychologischen und psychosozialen Maßnahmen zur Verfügung - wenn man sie nur einsetzt. Dazu gehört die Unterstützung der Betroffenen und ihrer Angehörigen bei der Entwicklung von Strategien, so gut und so lange wie möglich aktiv und selbständig mit der Krankheit zu leben. Dazu gehört auch die Gestaltung eines zugewandten überschaubaren sozialen Milieus zu Hause und im Heim. Ziel solcher Maßnahmen ist es, den Kranken möglichst lange möglichst große Freiheitsräume zu gewährleisten, ihre Lebensqualität zu verbessern, ihre Stigmatisierung zu bekämpfen und eine größere Akzeptanz der Kranken in der Öffentlichkeit zu erreichen. Es mag ein Anfang sein, dass das amerikanische Klassifikationssystem psychischer Störungen, das DSM-5, den Hoffnungslosigkeit signalisierenden Begriff der Demenz zugunsten des neutraleren der „Neurokognitiven Störung“ fallengelassen hat.

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