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Demenzkranke : Perspektivenwechsel in der medizinischen Betreuung

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Autonomie oder Fürsorge

Voraussetzung dafür ist die konsequente Frühdiagnostik von Demenzerkrankungen. Über deren Dringlichkeit bestand Konsens unter den Tagungsteilnehmern. Eine Mehrheit ging so weit, eine verzögernde Diagnostik als ethisch nicht vertretbar zu betrachten, weil das rechtzeitige, aussichtsreiche therapeutische und präventive Maßnahmen verhindere und die Prognose der Betroffenen drastisch verschlechtere. Allerdings ist die Demenz-Diagnostik derzeit noch aufwendig und relativ unsicher. Auch deswegen stand in Düsseldorf die Hoffnung auf einen einfachen Serumtest im Raum. Vor allem der in Bristol tätige Niederländer Ruud Ter Meulen gab sich optimistisch. In der Tat sind mehrere Arbeitsgruppen in Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Deutschland mit unterschiedlichen Ansätzen dabei, solche Bluttests zu entwickeln. Alle diese Gruppen gehen davon aus, dass ihre Tests eine diagnostische Zuverlässigkeit von 95 Prozent haben werden. Allerdings wird es voraussichtlich noch einige Jahre dauern, bis diese Tests praxistauglich sind.

Unter den Referenten bestand Übereinstimmung über die Prioritäten der künftigen Entwicklung. Der New Yorker Politikwissenschaftler Bruce Jennings stellte „Ethik, Demenz und Lebensqualität“ in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Der Bonner Neurowissenschaftler und Psychiater Wolfgang Maier, derzeit Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenheilkunde (DGPPN), sprach über das Spannungsfeld von „Autonomie und Fürsorge bei Demenz“. In Deutschland erhielt mehr als die Hälfte der Demenzkranken in Heimen Psychopharmaka - fast vierzig Prozent Neuroleptika -, und körperliche Restriktionen wie Einschließung und Fixierung seien weit verbreitet. Auch für Maier war deshalb der Perspektivenwechsel von der verwahrenden Pflege zu einer sozialtherapeutischen Haltung unabdingbar. Sie sollte sich weniger an den Defiziten der Kranken orientieren als an ihren Ressourcen - nach Eugen Bleuler am Gesunden, das den Kranken über lange Zeit erhalten bleibt, an ihren verbliebenen Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung und zur Lebensgestaltung mit Respekt vor ihrer Autonomie und ihrer Würde.

Positive Aussichten

Solange man an der Vorstellung festhält, man könne nichts tun, wird man auch nichts tun, und man wird die bereits bestehenden therapeutischen und rehabilitativen Möglichkeiten der Betreuung und Behandlung von Menschen mit Demenzerkrankungen nicht ausschöpfen. Vor allem aber wird man keine fruchtbaren neuen Ansätze entwickeln, die mit den sich nur langsam zurückbildenden gesunden Anteilen der kranken Persönlichkeit arbeiten. Ein solcher Perspektivenwechsel hat das Schicksal der Menschen mit schweren psychischen Krankheiten - und schweren geistigen Behinderungen - in den Jahrzehnten der Psychiatriereform entscheidend verbessert. Es spricht nichts dagegen, dass dies auch bei Menschen mit Demenzkrankheiten möglich ist.

Viele Teilnehmer der Düsseldorfer Konferenz teilten die Überzeugung mehrerer Referenten, es bestehe heute schon die Möglichkeit, das Fortschreiten von Demenzerkrankungen um mindestens fünf Jahre hinauszuschieben, wenn man alle derzeit vorhandenen medizinischen und psychosozialen Möglichkeiten einsetze. Das aber würde bedeuten, dass die Zahl der Kranken sich gegenüber den Vorausberechnungen um die Hälfte reduzieren würde. Sowenig vorstellbar diese optimistische Perspektive angesichts des allgemeinen Pessimismus sein mag, so groß ist die Herausforderung, alles dafür zu tun.

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