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Demenzforschung : Gegen den Verrat an den Alten

  • -Aktualisiert am

Immer mehr Menschen leiden an Alzheimer Bild:

Mit der Lebenserwartung steigt auch die Zahl von Demenzerkrankungen wie Alzheimer. Bis 2050 sollen etwa vier Millionen Deutsche betroffen sein. Die Regierung will die Forschung fördern und investiert in ein „Zentrum für Demenzen“.

          Allein findige Biologen, Mediziner und Chemiker können verhindern, dass sich Demenzen wie die Alzheimer-Krankheit endgültig zur nationalen, ja globalen Katastrophe entwickeln. Mit der stetig steigenden Lebenserwartung und der raschen Bevölkerungsalterung im Westen, aber auch in China könnte die Zahl der Betroffenen dramatisch steigen - allein in Deutschland von heute einer Million auf bis zu vier Millionen Menschen im Jahr 2050.

          Jeder siebzehnte Deutsche wäre dann demenzkrank. Zur gewaltigen menschlichen Tragödie kommen immense Pflegekosten, die eine geschrumpfte Erwerbsbevölkerung aufbringen muss. Deshalb sind Impfstoffe dringend nötig, die das Gehirn der Älteren vor Demenzen schützen, Nervenstimulantien, die angegriffenes Gewebe regenerieren, molekulare Blocker, die den biochemischen Kollaps des Gehirns aufhalten.

          Forschungszentrum für BSE

          Doch deutsche Forschungspolitiker und Hochschulstrategen haben bisher kaum etwas getan, um die Demenzforschung zu beflügeln. Die Koryphäen des Gebiets, wie der Heidelberger Chemiker Konrad Beyreuther oder der Münchner Biologe Christian Haass, rackerten sich als Einzelkämpfer ab. Dem Freistaat Bayern war vor wenigen Jahren ein Forschungszentrum für BSE wichtiger als eines für Alzheimer, bisherige Bundesregierungen begnügten sich mit der punktuellen Projektförderung. Selbst beim Exzellenzwettbewerb der Hochschulen gingen nur wenige Vorhaben ein, die sich der dunkelsten Seite des demographischen Umbruchs stellen.

          Als beinahe wundersame Wende erscheint da der Plan der Bundesregierung, ein „Nationales Zentrum zur Bekämpfung von Demenzen“ zu gründen. Bundesforschungsministerin Annette Schavan zufolge wird das Zentrum schon Ende kommenden Jahres seine Arbeit aufnehmen. Sie prüft bereits potentielle Standorte wie Heidelberg, München, Berlin und Jülich, fahndet nach einem Gründungsdirektor und sucht auch das Gespräch mit Frankreich, dessen Forschungsministerin Valerie Pécresse vor einer ähnlichen Aufgabe steht.

          Umbruch in der Forschungspolitik

          Fünfzig bis sechzig Millionen Euro jährlich will Schavan in das Zentrum investieren - damit kann man in der Biomedizin veritable sieben- bis achthundert Mitarbeiter samt Geräten bezahlen. „Das ist der richtige Weg“, urteilt Konrad Beyreuther, der zu den weltweit angesehensten Alzheimer-Forschern zählt und Schavan bei dem Projekt beraten hat. „Jetzt kommt endlich das, was ich seit Jahren gefordert habe“, jubelt aus München Christian Haass von der Ludwig-Maximilians-Universität gen Berlin. Nun komme es nur noch darauf an, dass die Politik sich rechtzeitig zurückziehe und allein wissenschaftliche Exzellenz zählen lasse.

          Den Aufbruch in der Alzheimer-Forschung nutzt Schavan derweil zu einem Umbruch in der Forschungspolitik: Dass die Jahrhundert-Herausforderung Demenz so lange zwischen den Verantwortungsbereichen von Bund, Ländern, Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen hindurchfallen und zu wenig Beachtung finden konnte, alarmiert die Ministerin. Ein Irrtum also, dass im Föderalismus allein das freie Spiel der Kräfte das beste Ergebnis garantiert, wenn jeder Akteur unabgesprochen seine Forschungsfelder beackert - oder eben nicht. Und Bund-Länder-Gremien, die der nötigen Forschungskoordination dienen könnten, haben darin bisher versagt und damit Verrat an den Alten von heute und morgen geübt.

          „Straßenkarte für die Gesundheitsforschung“

          Schavan ist deshalb davon überzeugt, dass ein strengeres Regime nötig ist, um neuerlichen Ausfällen vorzubeugen. Das Nationale Zentrum soll also nicht nur selbst forschen, sondern künftig möglichst die gesamte Demenzforschung im Land koordinieren. Bestehende Forschungsteams an Hochschulen, Max-Planck- oder Leibniz-Instituten werden dem Zentrum und seinem Direktor als „Satelliteneinrichtungen“ zugeordnet, in eine gemeinsame Strategie eingebunden - mit Aussicht auf Anteile am Budget.

          Als Partner hat sich die Ministerin die Helmholtz-Gemeinschaft ausgeguckt, die zu neunzig Prozent vom Bund und zu zehn Prozent von den Ländern finanziert wird. Sie will durchsetzen, dass das Zentrum und sein Direktor die Demenzforschung bis in die Hochschulen und außeruniversitären Institute hinein straff koordinieren - und denkt bereits an andere Volkskrankheiten wie Diabetes. Das Demenz-Zentrum soll als Experiment dienen und in der Art der amerikanischen „National Institutes of Health“ (NIH) selbst Fördergelder vergeben sowie die Forschungsszene strukturieren.

          Heute stellt die Ministerin in Berlin eine „Straßenkarte für die Gesundheitsforschung“ vor, die ihr ein Beratergremium erarbeitet hat. Zumindest die Demenzforschung manövriert sie bereits aus einer dunklen Sackgasse heraus. Der Kampf gegen die Altersplage dürfte bald nicht mehr an einer schlechten, undurchdachten und zögerlichen Forschungspolitik scheitern.

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