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Bundestag-Abstimmung : „Forschung an Demenzkranken möglich machen“

  • -Aktualisiert am

Demenzkranke im fortgeschrittenen Stadium - in Arzneistudien einbeziehen? Bild: dpa

Dürfen Arzneistudien mit Schwerstkranken ausgeführt werden, wenn es ihnen selbst nichts nützt? In Kürze entscheidet der Bundestag. Ein prominenter Mediziner prescht für die Forschung vor: Ja, wenn die Patienten früher einwilligen konnten und eingewilligt haben, sollten Tests möglich sein.

          Gruppennützige Forschung mit nicht einwilligungsfähigen Menschen polarisiert die Mitglieder des Bundestags. Für die Abstimmung in der kommenden Sitzungswoche über die Novelle des vierten Arzneimittelgesetzes (AMG) wird der Fraktionszwang aufgehoben. Nur ein Punkt in der Novelle irritiert die Gemüter, wobei sich drei Gruppen von Abgeordneten gegenüberstehen. Es geht darum, ob Menschen - prinzipiell ähnlich dem Vorgehen bei Vorabverfügungen wie einer Vorsorgevollmacht oder einem Organspendeausweis - in gesundem Zustand feststellen können, dass sie im Falle einer etwa fortgeschrittenen Demenz oder eines schwersten Gehirnschadens Teilnehmer an einer Arzneimittelstudie werden wollen, die nicht ihnen selbst, sondern nur anderen helfen könnte. Wenn die Teilnahme auch ihnen selbst helfen kann, ist heute eine solche meist möglich, auch wenn die Betroffenen einwilligungsunfähig sind. Allerdings ist der Begriff der Gruppennützigkeit nicht klar definiert.

          Der von mir unterstützte Änderungsantrag der Abgeordneten Dr. Nüßlein, Prof. Dr. Lauterbach, Michalk, Gröhe, Fischbach, Widmann-Mauz und Henke sieht eine ärztliche Aufklärung in gesunden Zeiten obligat vor. Ein weiterer Änderungsantrag unterscheidet sich nur in diesem Detail: Diese Gruppe schlägt vor, auf die Möglichkeit der ärztlichen Aufklärung verzichten zu können, will aber ebenso die Selbstbestimmung achten und gruppennützige Forschung bei nicht einwilligungsfähigen Menschen in sehr engen Grenzen ermöglichen. Nur der dritte Änderungsantrag der Abgeordneten um Schummer, auch parteienübergreifend, möchte keine Änderung zum derzeitigen Verfahren der Forschungsverhinderung.

          Terri Schiavo

          Warum gibt es so einen großen Bedarf an Forschung? Nun, gerade neurodegenerative Erkrankungen, insbesondere Demenzen, sind hier neben einigen anderen Gehirnerkrankungen relevant. Es entwickeln sich bei der Demenz über die Jahre andere hirnstrukturelle und -funktionelle Auffälligkeiten, es kommt also nicht nur zu quantitativen biologischen Veränderungen („anders und nicht nur schlimmer“). Daneben gibt es auch qualitative Veränderungen im Verhalten und Erleben, in späteren Stadien stehen oft Angst, Agitiertheit und Aggression im Vordergrund, also ein ganz anderes Bild als bei der leichten Demenz. Es reicht also nicht, Forschung nur mit leichter Erkrankten durchzuführen, weil man diese Ergebnisse nicht auf die Behandlung im fortgeschrittenen Stadium extrapolieren kann.

          Die heutigen Möglichkeiten zur Medikation von schwer dementen Menschen sind wegen der geringen Wirkung völlig unbefriedigend. Patienten und Angehörige leiden. Zulassungsstudien von Medikamenten wie Memantin sind im Ausland für schwer Demente als gruppennützige Forschung durchgeführt worden. Die Ergebnisse der Zulassungsstudien wurden im Rahmen des EU-Rechtes in Deutschland übernommen - eine scheinheilige Position, da die Studien hier nicht hätten durchgeführt werden dürfen. Wir übernehmen also die Ergebnisse ohne Rücksicht auf die Herkunft. Memantin ist übrigens das einzige zugelassene Medikament bei schwerer Demenz.

          Impfung nur in Frühpasen der Krankheit

          Bei den dementiellen Erkrankungen wird viel über die sogenannten Impfstrategien gesprochen. Das im Gehirn abgelagerte Amyloid soll möglichst in einer ganz frühen Krankheitsphase abgeräumt werden. Die ersten Erfolge der Amyloid-Immunisierung zeigen sich nur in sehr frühen Prodromalstadien der Erkrankung. Diese Behandlungserfolge werden aber Patienten in späten Stadien nicht nützen. Es wird dann unmittelbar die Frage kommen: Wie hilft man Patienten in einem weit fortgeschrittenem Stadium?

          Arzneitests an Komapatienten?

          Neben den Demenzen ein anderes Beispiel: Die Amerikanerin Terri Schiavo war bis zu ihrem Tod 15 Jahre im Wachkoma, dem Apallischen Syndrom. Es ergab sich ein erbitterter Rechtsstreit zwischen den Eltern, die Funken von Hoffnung sahen, und dem Ehemann, der seine Ehefrau einschlafen lassen wollte. Oder in Deutschland Carola Thimm, die nach mehrfachen Operationen wegen eines geplatzten Aneurysmas in ein künstliches Koma gelegt wurde, aus dem sie erst nach fünf Jahren wieder erwachte. Mediziner unterscheiden das Syndrom der reaktionslosen Wachheit (das persistierende Wachkoma) vom zumindest teilweise reversiblen anhaltenden Wachkoma, bei dem es manchmal nach längerem Zeitraum zu erstaunlichen Verbesserungen mit entsprechender Medienresonanz kommt. Derzeit gibt es keine verlässlichen Methoden, beide Zustände voneinander frühzeitig zu unterscheiden. Auch hier ist eine Arzneimittelforschung in solchen Stadien dringend notwendig, um Patienten mit potentieller Reversibilität zu identifizieren und ihnen frühzeitig eine optimale medikamentöse Therapie zukommen zu lassen.

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