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Debatte um Wehenmittel Cytotec : Eine Frage der Dosis

Schwangere Frauen sind derzeit verunsichert, Sie tendieren eher zum Kaiserschnitt, seit Medien kritisch über den Einsatz des Medikaments Cytotec in der Geburtshilfe berichtet haben. Bild: dpa

Schwangere erhalten zur Geburt ein Medikament, das dafür nicht zugelassen ist. Im vermeintlichen Skandal um Cytotec wurden wichtige Punkte übersehen.

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          Vergangene Woche fanden Gynäkologen, Journalisten und das Gesundheitsministerium in ihren Postfächern einen anonymen Brief. Die Schicksale von sechs Müttern werden darin aufgelistet: Sie sollen im Krankenhaus teils sehr hohe Dosen eines Medikaments mit dem Wirkstoff Misoprostol erhalten haben, um die Geburt in Gang zu setzen. Ihre Kinder wurden mit Behinderungen geboren, eine Frau verblutete.

          Johanna Kuroczik

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Woche zuvor hatte die „Süddeutsche Zeitung„ und das ARD-Fernsehformat Report München über diese Fälle und die Gefahren dieses Medikaments berichtet. Und auf Details aufmerksam gemacht: Unter dem Markennamen Cytotec ist der Wirkstoff nur zum Magenschutz zugelassen, Kliniken beziehen es aus dem Ausland. Rund jede zweite Klinik verwendet es in der Geburtshilfe. „Oberflächlich betrachtet, klingt das nach einem richtigen Skandal“, sagt Franz Kainer, „wenn es so stimmen würde.“ Der Gynäkologe leitet an der Klinik Hallerwiese in Nürnberg die Abteilung für Geburtshilfe, hat an Lehrbüchern mitgeschrieben und verwendet das Medikament Cytotec seit Jahrzehnten. Und das Problem ist nicht das Mittel, sondern die Anwendung.

          Wer sich fragt, wie ein Medikament gegen Magengeschwüre überhaupt zu einem der wichtigsten Arzneimittel in der Geburtshilfe wurde, muss wissen, dass Brasilien eines der katholischsten Länder der Welt war, als Cytotec dort im Jahr 1986 zugelassen wurde. Die Verkaufszahlen des rezeptfreien Magenschutzmittels schossen schnell in die Höhe, Apotheken verkauften bis zu 50.000 Packungen im Monat. Der Wirkstoff Misoprostol gehört zur Gruppe der Prostaglandine, körpereigene Botenstoffe, die unter anderem die Muskulatur der Gebärmutter zu Kontraktionen anregen, wie bei einer Geburt. Dadurch wurde Cytotec zunächst ungeahnt zu einem Mittel für heimliche Abtreibungen, von denen es zuvor schätzungsweise vier Millionen im Jahr gegeben hat: In ihrer Not schluckten Frauen irgendwelche Pillen vom Schwarzmarkt, ließen sich in verbotenen Kliniken operieren oder fügten sich selbst Gewalt zu. Die Folgen illegaler Abtreibungen gehörten damals zu den häufigsten Todesursachen. Im Gegensatz dazu bot nun Misoprostol den Frauen eine Alternative für einen deutlich weniger riskanten oder schmerzhaften Abbruch. Abtreibungsgegner in den Vereinigten Staaten protestierten gegen das Mittel, daraufhin folgten in Brasilien Kampagnen. Anfang der Neunziger wurde dem freien Verkauf ein Ende gesetzt, auch auf Drängen der Kirche. Der Verband der Gynäkologen in Brasilien sprach sich für die Erforschung aus, Misoprostol barg nach ihren Einschätzungen Potential für die Frauenheilkunde.

          Im Wehensturm kriegt das Kind nicht genug Sauerstoff

          Der Mediziner Ludwig Kiesel war 1987 an einer der ersten Studien beteiligt, in der die Wirkung von Misoprostol auf die Gebärmutter untersucht wurde. „Damals war wenig über die Anwendung von Prostaglandinen bekannt“, sagt Kiesel, der mittlerweile die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikum Münster leitet. Diese Botenstoffe vermitteln zahlreiche Vorgänge im Körper, beeinflussen den Schmerz und sind am Geburtsvorgang beteiligt. „Das Hormon Progesteron blockiert die Wirkung der Prostaglandine, aber zum Ende der Schwangerschaft nimmt diese Blockade ab“, erklärt Kiesel.

          Heute ist in Studien gut belegt, dass Misoprostol geeignet ist, um Wehen auszulösen, somit eine Geburt zu starten. „Es gibt keinen Wirkstoff zur Geburtseinleitung, der ähnlich gut in Studien untersucht wurde“, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, DGGG, in ihrer Stellungnahme zu den kritischen Medienberichten. Und das renommierte Forschungsnetzwerk Cochrane Collaboration hatte vor sechs Jahren einmal 75 Studien mit mehr als 14000 Teilnehmerinnen zusammengefasst: Demnach ist Misoprostol genau so geeignet wie gängige Alternativen und führt zu weniger Notkaiserschnitten; über extrem seltene Komplikationen ließ sich keine valide Aussage treffen. Die Weltgesundheitsorganisation führt Misoprostol sogar auf ihrer Liste der essentiellen Wirkstoffe und empfiehlt es zur Geburtseinleitung.

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