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Verkannte Expertise : Die Stunde der Praktiker

  • -Aktualisiert am

Viele Fachrichtungen sind beim Kampf gegen die Corona-Krise gefragt. Bild: dpa

Die Corona-Pandemie ist auch eine Krise medizinischer Expertise. Virologen erklären den Erreger, Epidemiologen sammeln Daten, Physiker simulieren die Entwicklung – aber wer rettet uns eigentlich das Leben?

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          Christian Drosten weiß vermutlich nicht wirklich, ob eine Sars-CoV-2-infizierte Mutter mit Mundschutz stillen und dabei Körperkontakt möglichst vermeiden sollte, um ihr Neugeborenes nicht zu gefährden. Dazu können Frauenärzte, Perinatologen und Hebammen im Zweifel besser Auskunft und längst auch Entwarnung geben. Niemand wäre vor der aktuellen Pandemie auf die Idee gekommen, die Spezies der Virologen – also Wissenschaftler, die zum Beispiel Viren in den Ausscheidungen afrikanischer Fledermäuse analysieren – um eine Auskunft in praktischen medizinischen Fragen zu bitten. Dennoch geben aktuell Virologen zu fast allem Auskunft. Herr Drosten, den Namen lese man hier einfach als Pars pro Toto, erklärte zum Beispiel dieser Tage in den Medien, was Triagieren bedeutet.

          Eine ärztliche Triage, die Entscheidung darüber, welcher Patient dringender als ein anderer behandelt werden muss, folgt strengen medizinethischen Regeln und liegt vernünftigerweise nicht in den Händen von Medizinern, die damit noch nie etwas zu tun hatten und sich ihr Wissen hierüber allenfalls anlesen können. Wer damit befasst ist und dies auch beim Einsatz und Hospitieren in anderen Ländern übt, sind beispielsweise Notfall- und Intensivmediziner, Unfallchirurgen, Terrorspezialisten, das Deutsche Traumanetzwerk oder auch Bundeswehrärzte. Aber all diese werden nicht als Erstes vor das Mikrofon gebeten. Das war einmal anders. Als zuletzt der Grippewinter 2018 die Intensivstationen immer wieder an Belastungsgrenzen brachte, wurden hauptsächlich klinisch tätige Ärzte von Journalisten gefragt, wie im Falle eines Falles mit knappen Beatmungsplätzen umzugehen sei.

          Corona hat den Blick trotz der vielfältigen medizinischen Kenntnisse, die bei einer Fülle von Fachgesellschaften und Spezialisten auf Abruf zur Verfügung stünden, auf die inzwischen üblichen Verdächtigen verengt. Nur als Beispiel: Längst weiß jeder Laie, dass es vor allem die sehr alten Menschen sind, die sich in dieser Pandemie am meisten vorsehen müssen und das höchste Risiko tragen. Längst ist klar, dass die Alten- und Pflegeheime Stätten besonderer Verletzlichkeit sind, dass die Insassen unter den Kontaktverboten aber auch leiden, dass zudem viele ältere Patienten sich weder zu ihrem Arzt noch ins Krankenhaus trauen, aus Angst vor Ansteckung oder schlimmeren Folgen. Aber sind Geriater als Spezialisten für die ältesten Patienten in der Öffentlichkeit je so präsent gewesen wie Virologen?

          Prominente Virologen (von links nach rechts): Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, Jonas Schmidt-Chanasit, Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hendrik Streeck, Direktor am Institut für Virologie im Universitätsklinikum Bonn, und Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung.
          Prominente Virologen (von links nach rechts): Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, Jonas Schmidt-Chanasit, Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hendrik Streeck, Direktor am Institut für Virologie im Universitätsklinikum Bonn, und Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. : Bild: dpa

          Dabei haben seit Anfang 2020, als sich die Tragweite von Covid-19 abzeichnete, gänzlich andere Disziplinen als die, die prominent in der Öffentlichkeit zu Wort kommen, gleichsam hinter den Kulissen die Versorgung gewährleistet und für Aufklärung gesorgt. Da waren als Erstes die klinisch tätigen Ärzte in den Krankenhäusern, die gleichsam über Nacht Vorkehrungen trafen. Große und kleine Kliniken machten sich Gedanken, wie man die Beatmungsplätze und -geräte aufstocken könne, ob man die Kollegen und das Pflegepersonal aus dem Urlaub zurückholen sollte, welche Stationen aus logistischen Gründen für Corona-Patienten freigeräumt, welche Operationen verschoben werden könnten. Von einem Tag auf den anderen mussten Chirurgen und Anästhesisten Hygieneempfehlungen zur Frage erarbeiten, welche Schutzausrüstung und Beatmungsregime für das Operieren von infizierten oder nur verdächtig infizierten Patienten geboten war, wann und wo die Narkose einzuleiten sei und wie auch in puncto Luftstrom die Operationssäle umgerüstet werden mussten. Zu klären war, ob stundenlange Operationen unter den verschärften Bedingungen und Masken überhaupt durchgehalten werden könnten und woher man geeignete Schutzausrüstung bekäme.

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