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Das Lebensende : Das unausweichliche Schicksal

Bild: dpa

Neue Tests sollen vorhersagen, wie lange ein Mensch noch zu leben hat. Kritisch steht dazu die Medizinethikerin Alena Buyx.

          4 Min.

          Der „Tod“ ist im Tarot reine Auslegungssache. Mal ist es ein Loslassen oder ein Wandel, mal ein Verlust und die Angst vor dem Neubeginn. Die Karte ist gefürchtet, muss aber nicht das Lebensende bedeuten. Doch der Wunsch, irgendwie zu erfahren, wie lange man denn zu leben hat, ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst, die dafür bis heute Orakel, Traumdeuter oder Wahrsager bemüht. Heute werden auch Ärzte in diese Rolle gedrängt, die moderne Medizin braucht aber belastbare Daten, um mit Hilfe von Statistiken zu beurteilen, wie ernst es um die Patienten steht und wie hoch ihr Sterberisiko ist. In Nature Communications stellen Kölner Forscher jetzt eine Methode vor, die auf vierzehn Biomarkern beruht, die Auskunft über den Stoffwechsel geben und sich in Blutproben finden lassen. Anhand dieses metabolischen Profils will man die Sterblichkeit in den kommenden fünf bis zehn Jahren abschätzen können. Ein anderes System hat Steve Horvath an der University of California in Los Angeles entwickelt: „GrimAge“ wertet Methylierungsmuster einer Blutprobe und zusätzliche Daten aus, um die Lebensspanne zu bestimmen und wann etwa eine Herzerkrankung droht. Solche Verfahren könnte man in Zukunft heranziehen, um zu entscheiden, ob eine strapaziöse Operation oder teure Therapie überhaupt lohnt. Abgesehen von der Frage zur Aussagekraft solcher auf Statistik beruhenden Tests, stellen sich für Medizin und Gesellschaft auch einige ethische Fragen.

          Sonja Kastilan
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Frau Buyx, was halten Sie von diesen Entwicklungen?

          Diese Tests sind ja immer noch recht schlecht in der Vorhersage, das sollte man beachten. Sie sind zwar präziser, wenn es etwa um den Beginn einer Erkrankung geht. Aber dass sich der Todeszeitpunkt damit ausrechnen ließe, diese Vorstellung wäre komplett überzogen. Wenn zum Beispiel GrimAge statistisch unsere Lebensspanne angibt und damit um 18 Prozent akkurater ist als das kalendarische Alter, was ja kein guter Vorhersagewert ist, dann ist das einen Tick besser. Es ist aber keinesfalls so, dass wir angesichts dieser Biomarker die Uhr nun rückwärts laufen lassen können, wie eine Art Countdown. Das wird nicht gehen, dazu sind einfach viel zu viele Faktoren beteiligt. Und selbst der beste prädiktive Test kann einen Unfall nicht vorhersehen.

          Als Orakel nicht geeignet. Aber für die Prävention wären solche Tests dennoch hilfreich, oder?

          Ja, natürlich. Es soll unter anderem darum gehen, dass man Patientengruppen erkennt, bei denen Prävention hilft oder möglichst früh einsetzen sollte. Auf der individuellen Ebene kann man sie auch nutzen für die Behandlungsplanung – und für die Diskussion von Therapien.

          So betrachtet, klingt das sehr positiv. Ein solcher Test lässt sich aber auch anwenden, um jemandem dann etwas vorzuenthalten oder gar aufzuzwingen. Wie sieht es damit aus?

          Das wäre problematisch. Neben positiven Potentialen ist es möglich, dass man diejenigen herausfiltert, die eine niedrige Lebenserwartung haben oder bei denen Therapie etwa nicht mehr „lohnen“ würde. Aber auch das kann im Einzelfall hilfreich sein. Angenommen, es geht um eine schlauchende Chemotherapie, und der Krebspatient ist im sechsten Zyklus – dann redet man sowieso sehr offen darüber, was eine Behandlung prognostisch bringen kann und ob sie noch sinnvoll wäre. Und da können die Biomarker hilfreich sein. Das ist zwar nicht einfach, aber man könnte mit dem Patienten sehr ehrlich sprechen und konkretere Angaben machen, mit denen sich planen lässt.

          Das ist sicherlich ein Vorteil. Filtern wir aber nicht zu stark?

          Gerade in der Krebstherapie passiert das auf gewisse Weise schon längst. Die Kolleginnen und Kollegen in der Klinik versuchen ihren Patienten eine Antwort zu geben auf die häufige Frage „Wie lange hab ich denn noch?“. Kein Mediziner legt sich da mit Wochen und Monaten fest, das geht eben nicht. Aber auch aus ethischer Sicht ist es wichtig, gegenüber Patienten möglichst ehrlich zu sein, damit sie sich entscheiden können, was sie sich jeweils zumuten.

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