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Klinische Forschung : Am Geldtropf der Pharmaindustrie

  • -Aktualisiert am

Geduldsspiel: Bis ein neues Medikament auf dem Markt kommt vergehen viele Jahre. Bild: Merck

Der Fortschritt in Diagnose und Therapie schreitet ungebremst voran. Er basiert auf einer finanzkräftigen Allianz zwischen Pharmaindustrie und Universitätsklinika. Doch diese hat hat nicht immer das Wohl des Patienten im Blick.

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          Die Möglichkeiten der modernen Medizin sind enorm. Und sie wachsen beständig weiter. Erkrankungen wie Hepatitis C, früher therapeutisches Schreckgespenst für Patienten und Ärzte, werden zur Behandlungstrivialität. Was Ärzte früher aufwendig, nebenwirkungsreich und mit mäßigem Erfolg therapierten, ist bald mit einer Tablette täglich innerhalb von acht bis zwölf Wochen heilbar. Wunderbare neue Welt der Medizin! Ein kleiner Schönheitsfehler: Die Therapiekosten liegen aktuell bei 80 000 Euro pro Patient. Dieses Dilemma ist ein Kernproblem der Medizin des 21. Jahrhunderts. Die Schere zwischen Machbarkeit und Finanzierbarkeit wird immer weiter auseinanderklaffen.

          Ist das alles sinnvoll?

          Wir können immer mehr, wollen immer mehr und brauchen immer mehr: Der diagnostische und therapeutische Fortschritt ist unaufhaltsam, unsere Anspruchshaltung und unser Sicherheitsbedürfnis werden immer größer, und unsere altersbedingte Krankheitsanfälligkeit wächst ständig. Die Ära des entschlüsselten Genoms und der technologischen Machbarkeit bietet die Möglichkeit zur Heilung von bisher unheilbaren Leiden und zur Lebensverlängerung bei bisher tödlichen Krankheitsverläufen. Das kostet viel Geld. Aber sind die Möglichkeiten tatsächlich auch ein Fortschritt? Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Und so stellt sich neben die Frage der Finanzierbarkeit des Machbaren die nach dem Patientennutzen und seiner Bewertungsgrundlage. Was hilft dem Patienten am Ende wirklich, wie und auf welcher Datengrundlage wird der Therapieerfolg bewertet?

          Abhängigkeiten  und Vorbedingungen

          Neuentwicklungen von Medikamenten und die Bewertung ihres klinischen Nutzens entstehen im Wesentlichen im Verbund von Universitätsklinika und Pharmaindustrie, da sie es zumeist sind, die Innovationen generieren und dann in klinischen Studien untersuchen. Dies wirft die Frage auf, ob diese Strategie ausreicht und ob beide Akteure ihren Rollen unter den aktuellen Bedingungen gerecht werden oder gerecht werden können.

          Ärztliche Handlungsmöglichkeiten, Diagnosen und Therapien sind wesentlich durch die pharmazeutische und medizintechnische Industrie mitbedingt. Diese hat die technischen, personellen und finanziellen Ressourcen, um beispielsweise neue Substanzen auf den Markt zu bringen. Dabei ist der wesentliche Innovationsantreiber das Ziel, die Rendite zu steigern - für einen Wirtschaftsbetrieb ein legitimes Anliegen. In der klinischen Bewertung neuer Medikamente geht die pharmazeutische Industrie eine Allianz mit der Ärzteschaft ein, da nur so die Studiengrundlage zur Nutzenbewertung geschaffen werden kann. Diese Allianz ist von Abhängigkeiten und Vorbedingungen belastet, die einer objektiven Wissensvermehrung im Wege stehen können - das unternehmerische Interesse liegt nun einmal an der Zulassung eines Medikaments, was zu einer Anpassung des Studiendesigns auf eine Effektmaximierung führt. Andererseits werden Medikamenteninnovationen ohne Aussicht auf relevanten ökonomischen Erfolg nicht weiterverfolgt, obwohl sie relevanten Nutzen bringen könnten.

          Investition in eine unabhängige Forschung

          Die Bevölkerung nimmt das Dilemma der renditebezogenen Forschung wahr, wie man am Image der Pharmaindustrie ablesen kann: Nur 18 Prozent der Deutschen hielten in der im Jahr 2011 durchgeführten Markt-Gesundheitsstudie die Pharmaindustrie für vertrauenswürdig, nur 13 Prozent meinten, dass diese Branche den Patienten in den Mittelpunkt stellt. Offensichtlich ist es der pharmazeutischen Industrie nicht gelungen, ihren berechtigten wirtschaftlichen Interessen eine ausbalancierende, korrigierende Position gegenüberzustellen, die sich ausschließlich dem Patientenwohl verpflichtet fühlt.

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