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Mangelnde Qualität : Darum ist Deutschlands Gesundheitssystem nur Mittelmaß

  • -Aktualisiert am

Hinter den Türen vieler deutscher Kliniken herrscht immer noch zu viel Selbstherrlichkeit. Bild: dpa

Das deutsche Gesundheitssystem wird in der Covid-19-Krise jetzt oft gerühmt. Die Statistik trügt: In der Infektiologie und der Krankenversorgung türmen sich gefährliche Qualitätsmängel.

          11 Min.

          Die Leistungsfähigkeit eines Gesundheitssystems wird international anhand des Anteils der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlands-produkt, der Zahl medizinischen Personals und der vermeidbaren Todesfälle pro Kopf der Bevölkerung bewertet. Als vermeidbar werden Sterbefälle bezeichnet, die bei angemessener Krankheitsprävention oder Therapie hätten verhindert werden können. Nach dem letztgenannten Qualitätskriterium steht Deutschland im internationalen und europäischen Vergleich gut da. Sars-CoV-2 führt als Virus im Menschen zu einer klassischen Infektion, insbesondere der oberen Atemwege und der Lunge. Diese spezifische Lungenentzündung wird als Krankheit Covid-19 (Coronavirus disease 2019) bezeichnet und ist in der schwersten Verlaufsform vor allem durch ein akutes Lungenversagen mit sehr hoher Sterblichkeit im Rahmen einer Sepsis beziehungsweise eines septischen Schocks gekennzeichnet. Die Sterblichkeit pro 100.000 Einwohner variiert unter den zehn bisher von Covid-19 am meisten betroffenen Ländern erheblich. Mit jeweils 0,33 Toten pro 100.000 Einwohnern wies beispielsweise China auf dem Höhepunkt eine vergleichsweise geringe Sterblichkeit aus, wohingegen Frankreich mit mehr als 30, Großbritannien und Italien mit mehr als 40, Spanien mit über 50, Belgien mit mehr als 60 und Schweden mit 40 Toten pro 100.000 Einwohner die Liste der europäischen Länder mit der höchsten Covid-19-Sterblichkeit anführen.

          Bei vermeidbaren Todesfällen europaweit nur Mittelmaß

          Nicht unerwartet wurde die Positionierung Deutschlands in diesem Ranking von Spitzenpolitikern genutzt, wiederholt davon zu sprechen, „Deutschland habe eines der besten Gesundheitssysteme der Welt“. Es ist an der Zeit zu hinterfragen, ob dem wirklich so ist. Im europäischen Vergleich ist Deutschland lediglich Spitzenreiter bei den Pro-Kopf-Ausgaben für das Gesundheitswesen, die laut EU-Ländervergleich Gesundheit 2019 40 Prozent über dem EU-Durchschnitt liegen. Hinsichtlich der Zahl der vermeidbaren Todesfälle liegt Deutschland im EU-Länder-Ranking im Mittelfeld. Der EU-Report weist 245 durch Prävention oder Behandlung vermeidbare Todesfälle pro 100.000 Einwohner für Deutschland aus, das heißt etwa 200.000 vermeidbare Todesfälle pro Jahr.

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