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Darmkrebsvorsorge : Einmal spiegeln, Leben retten

  • -Aktualisiert am

Ein begehbares Modell zeigt den Dickdarm in all seiner Pracht - mitsamt Polypen und Tumoren Bild: picture-alliance/ dpa

Eine Darmspiegelung dient nachweislich der Krebsvorsorge. Ihr Nutzen lässt sich jetzt sogar beziffern: Die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu erkranken, wird selbst durch eine einmalige Koloskopie um 33 Prozent reduziert. Aber welche Methode ist die beste - kleine oder große Darmspiegelung?

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          Endlich Fakten: Eine Studie aus Großbritannien liefert den Beweis. Dort haben Mediziner mehr als 170.000 Probanden rekrutiert, in zwei Gruppen eingeteilt und die eine davon einer Darmspiegelung unterzogen. Dabei entdeckte Polypen wurden entfernt, alle Teilnehmer über Jahrzehnte hinweg überwacht und untersucht, inwieweit eine Darmspiegelung zur Verhinderung von Darmkrebs beiträgt.

          Die Antwort in der aktuellen Ausgabe des Lancet ist überraschend klar: Die Wahrscheinlichkeit, an einem Darmkrebs zu erkranken, wurde selbst durch eine einmalige Darmspiegelung um 33 Prozent reduziert, die Wahrscheinlichkeit, an diesem Tumor zu sterben, sogar um 43 Prozent.

          Darmspiegelung ist echte Vorsorgeuntersuchung

          Diese Werte werden sich in Zukunft noch verbessern, denn sie gelten bisher nur für eine mittlere Beobachtungszeit von etwa elf Jahren. Bei längerer Betrachtung könnten gar 70 Prozent der Krebs- und Sterbefälle verhindert werden, hoffen die Ärzte. Auch wird sich die modernere Technik positiv niederschlagen - die Studie hatte bereits 1994 begonnen. Schon jetzt zeichnet sich aber auch ein wirtschaftlicher Nutzen ab. Die Kosten der Darmspiegelung werden durch die wegfallenden Kosten der Krebsbehandlung mehr als ausgeglichen. Nicht nur in Großbritannien, auch in Deutschland: „Wir haben eine Kosten-Nutzen-Abschätzung der Vorsorge-Koloskopie durchgeführt und kommen zu dem Ergebnis, dass man damit netto Kosten einspart“, sagt Hermann Brenner, Leiter der klinischen Epidemiologie des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg.

          Darmkrebs ist nach Prostata- und Brustkrebs die dritthäufigste Krebserkrankung
          Darmkrebs ist nach Prostata- und Brustkrebs die dritthäufigste Krebserkrankung : Bild: dpa-infografik

          Im Gegensatz zu den meisten anderen Vorsorgeuntersuchungen, die nach Tumoren in einer möglichst frühen Phase suchen, ist die Darmspiegelung eine echte Vorsorge. Es wird nach Polypen gesucht, die sich zwar zu Krebs entwickeln können, selbst aber harmlos sind. Diese Schleimhautgeschwülste werden bei der Darmspiegelung mit einem Endoskop entdeckt und vorsichtshalber gleich entfernt.

          Entwicklung verläuft außerordentlich langsam

          Darmkrebs ist nach Prostata- und Brustkrebs die dritthäufigste Krebserkrankung. Weltweit erkranken jährlich mehr als eine Million Menschen, mehr als 600.000 sterben daran. „Im Jahr 2006 gab es in Deutschland etwa 69.000 Neuerkrankungen und 27.000 Todesfälle“, sagt Brenner. Eine möglichst frühe Identifizierung wäre sinnvoll: „In der Phase, in der ein Darmkrebs Symptome hervorruft, befinden sich noch etwa 50 Prozent der Tumore im Stadium I oder II und sind damit heilbar.“ Denn die Entwicklung von den verdächtigen Polypen bis zum lebensgefährlichen Tumor verläuft außerordentlich langsam. Deshalb halten die Briten eine einzige Darmspiegelung im Alter zwischen 55 und 64 Jahren für ausreichend. Anders ist es in Deutschland, wo sich jeder Versicherte vom 55. Lebensjahr an einer Darmspiegelung unterziehen und diese frühestens nach zehn Jahren wiederholen lassen kann. Alternativ wird ein Hämoccult-Test angeboten: Blut im Stuhl ist ein erster Hinweis auf Tumore oder andere Veränderungen. Durch diesen Test, alle zwei Jahre durchgeführt, kann das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, um 25 Prozent gesenkt werden, schreiben die Briten in Lancet. Er ist zwar schmerzlos und unaufwendig, aber weniger erfolgreich als die Darmspiegelung und deshalb nur zweite Wahl.

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