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Darmkeim Ehec : Wer ist Husec 41?

  • -Aktualisiert am

In der Petrischale vermehrt er sich genauso munter wie im menschlichen Verdauungstrakt. Dort kann er freilich bösen Schaden anrichten Bild: dapd

Die einen nennen ihn Husec 41, die anderen O104:H4. Was macht den neuen Darmkeim so gefährlich? Ist er vielleicht nur ein alter Bekannter? Die Seuchendetektive sind ihm dicht auf den Fersen.

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          Drei Fragen hätte der Verbraucher in diesen Tagen gern beantwortet: Woher kommt der Erreger? Was macht ihn so gefährlich? Wie kann ich mich und meine Lieben schützen? Bekannt ist allein die Antwort auf die letzte Frage. Einfache Maßnahmen wie Händewaschen, strikte Küchenhygiene und ein zeitweiser Verzicht auf bestimmte Lebensmittel reichen in der Regel wohl aus. Eine Infektion von Mensch zu Mensch wurde bislang nur in Ausnahmefällen beobachtet.

          Schwieriger wird es mit den beiden anderen Fragen. Zwar konnten Münsteraner Wissenschaftler schon vor einer Woche einen ersten molekularen Steckbrief des ziemlich aggressiven Darmkeims liefern. Dann aber wurde es unübersichtlich: Zwei Teams meldeten sich zu Wort, die unabhängig voneinander das Erbgut des Erregers sequenziert hatten. Die einen nannten ihn Husec 41, die anderen O104:H4.

          Das Forscherteam am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf glaubt seither, einen nie zuvor gesehenen „supertoxischen Erreger“ in Händen zu halten, das zweite Team aus Münster und Berlin dagegen interpretiert dieselben Buchstaben im Erbgut als Hinweis darauf, das es sich bei dem fiesen Keim um einen „alten Bekannten“ handelt, der in der riesigen Familie krank machender Bakterien vom Typ Escherichia coli ein paar Gene aufgeschnappt und neu kombiniert hat. Das ist im Leben dieser Mikroben kein ungewöhnlicher Vorgang: Es handelt sich schlicht und einfach um ihre Art von Sex.

          Prominentes Mitglied der Darmflora

          Eigentlich ist E. coli ein harmloser Darmbewohner, der Unverdauliches verdaut und seinen menschlichen Wirt meist in friedlicher Koexistenz von der Wiege bis zur Bahre begleitet. Als prominentes Mitglied der Darmflora hilft er, weniger harmlose Erreger wie beispielsweise Salmonellen fernzuhalten. Allerdings können unverdächtige E.-coli-Stämme zeitweise verdrängt werden von engen Verwandten, die im Verlauf der Evolution gelernt haben, Krankheiten auszulösen. Die Liste dieser unangenehmen Artgenossen umfasst Hunderte von Varianten und wird immer länger, weil sich die Stuhlproben von Patienten mit Hilfe moderner Methoden immer detaillierter durchforsten lassen. Experten teilen die verschiedenen Kolikeime heute meist in Gruppen mit Namen wie Etec, Eiec, Epec, Daec, Eaec oder eben Ehec ein. Die Klassifikation erfolgt nach der Art und Weise, wie sich die Mikroben an Darmzotten anheften, außerdem nach der Stabilität und Giftigkeit der Toxine, die sie mit sich herumschleppen.

          Hier wird es leider kompliziert: Die Erbinformationen für ihre Giftstoffe sitzen meist auf sogenannten Plasmiden. Das sind ringförmige DNA-Moleküle, die sich unabhängig vom eigentlichen Bakterienchromosom vermehren. Sie werden über eine Ausstülpung der Zellwand, den sogenannten Sexual-Pilus, von einem Stamm zum nächsten übertragen. Durch einen solchen Gentransfer kann zum Beispiel ein Eaec-Keim zu einem Ehec-Bakterium umprogrammiert werden. Die Ernährungsgewohnheiten des Wirtes, die Zusammensetzung seines Darmmilieus sowie die genetische Ausstattung des fraglichen Keims entscheiden dann darüber, ob eine Infektion harmlos verläuft, ob sie wässrigen oder blutigen Durchfall auslöst oder sogar, wie im Falle Ehec-Familie, in das bedrohliche hämolytisch-urämische Syndrom mündet.

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