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Darmentzündung : Fremde Flora für den Notfall

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Die erste Studie dieser Art zum FMT erschien Anfang 2013 im „New England Journal of Medicine“. Sie umfasst 42 Teilnehmer aus den Niederlanden, die unter einer von Clostridien ausgelösten und auf die Standardbehandlung mit Antibiotika nicht dauerhaft ansprechenden Kolitis litten. Die Ergebnisse fielen deutlich aus: Bei 13 von 16 Patienten, denen über eine Nasensonde Spenderstuhl in den Dünndarm transferiert wurde, verschwanden die Symptome fast umgehend und kamen anschließend für mindestens zehn Wochen nicht zurück. Nur einem Patienten war auch nach erneutem Transfer nicht zu helfen. Von den 26 Kontroll-Probanden, die lediglich mit Antibiotika behandelt wurden, erholten sich nur sieben. Die Resultate sprachen für sich, die Studie wurde aus ethischen Gründen vorzeitig beendet, und die Forscher boten den noch immer kranken Patienten ihrer Kontrollgruppe ebenfalls einen FMT an. Fast alle ließen sich somit heilen. Mikrobiologische Untersuchungen zeigten, dass die bakterielle Artenvielfalt tatsächlich wiederhergestellt werden konnte.

Die tausendfach zitierte Studie aus den Niederlanden war ein Erfolg, der den FMT aus der Schmuddelecke fragwürdiger Wundermittel holte und zu breiter Anerkennung verhalf. Seither haben etliche weitere Studien die Wirksamkeit des Stuhltransfers bestätigt. „Für Patienten mit einer Clostridien-Infektion, bei denen die Standardtherapie mit einem Antibiotikum versagt, führt ein FMT in rund 80 bis 90 Prozent der Fälle zur Heilung“, sagt Maria Vehreschild, Leiterin der Abteilung für Infektiologie an der Uniklinik Frankfurt, welche die Methode seit Jahren an Patienten anwendet und erforscht. „Das sind Menschen, denen zuvor oft gesagt wurde, dass man nichts mehr für sie tun könne.“

Die Übertragung von Keimen ist nicht das einzige Risiko

Angesichts solcher Erfolgsraten stellt sich die Frage, ob man nicht schon früher zum Stuhltransfer als Mittel der Wahl greifen sollte. Das Problem ist in Deutschland und anderswo der unklare rechtliche Status des FMT. Offiziell gilt der aufbereitete Spenderstuhl hierzulande als nicht zugelassenes, experimentelles Arzneimittel. Ein Arzt kann es in Form eines sogenannten individuellen Heilversuchs mit einem Stuhltransfer probieren, wenn alle gängigen Therapien mit Antibiotika versagt haben. Ein Mediziner, der diese Behandlung zugunsten eines FMT überspringt, geht ein großes Haftungsrisiko ein, sollte bei der Verpflanzung etwas schiefgehen.

Davor warnte auch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA im vergangenen Monat. Anlass des Berichts waren zwei immungeschwächte Patienten, die als Teilnehmer einer FMT-Studie versehentlich mit einem multiresistenten Keim vom Typ E. coli infiziert wurden und schwer erkrankten. Eine der beiden Personen starb. Wie es dazu kommen konnte, ist anhand der spärlichen Informationen, welche die FDA veröffentlichte, nur schwer nachzuvollziehen. Eigentlich gehört ein strenges Screening potentieller Spender auf mögliche Krankheitserreger zum Standard. „In Deutschland sind die Sicherheitsanforderungen an Studien mit FMT-Präparaten sehr hoch, so dass ich hier zuversichtlich bin, dass solche Komplikationen vermieden werden können“, sagt Vehreschild. Im Verlauf dieses Screenings würden die meisten Spendewilligen aussortiert. Selbst wer kerngesund ist, kann sich in der Laboranalyse als Träger potentieller Krankheitserreger erweisen.

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