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Darmentzündung : Fremde Flora für den Notfall

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Mediziner schätzen, dass in Deutschland jedes Jahr rund 70 000 Menschen an einer C.-diff-Infektion erkranken. Die klassische Behandlung einer solchen mit Antibiotika assoziierten Diarrhöe bedeutet zunächst noch mehr Antibiotika, üblicherweise wird der Wirkstoff Vancomycin verordnet. Tatsächlich hilft dieses abermalige Demolieren der Darmflora in der Mehrzahl der Fälle, aber in etwa jedem fünften Fall kehren die Clostridien und die Krämpfe bald zurück, was sich dann oft auch durch eine Wiederholung der Rosskur nicht beenden lässt. So erging es der Patientin aus Kanada. Was ihr letztlich half, war ein dreimal wiederholter Einlauf mit dem in Salzlösung aufgeschwemmten Stuhl ihrer Angehörigen. Die Durchfälle verschwanden fast umgehend und kamen innerhalb eines Jahres auch nicht wieder.

„Heylsame Dreck-Apotheke“

Was für Laien unvorstellbar sein mag, haben Mediziner fast schon in einen Routineeingriff verwandelt: Zum sogenannten Fäkalen Mikrobiom Transfer, kurz FMT, wird den Kranken eine kleine Menge, rund 50 Gramm, vom Stuhl eines gesunden Spenders in den Darm verpflanzt. In der Hoffnung, dass die darin enthaltene Bakterienflora den geschädigten Darm des Patienten besiedeln und die dort dominierenden Clostridien zurückdrängen möge. Dass eine kleine Fäkalienprobe genügen soll, um eine lebensbedrohliche Darminfektion zu heilen, scheint schwer zu glauben. Neu ist das Therapiekonzept jedoch nicht. „Heylsame Dreck-Apotheke: wie nemlich mit Koth und Urin die meisten Krankheiten und Schäden glücklich geheilet worden“ lautet der Titel eines Lehrbuchs des deutschen Arztes Christian Franz Paullini aus dem Jahr 1697. Und aus dem Alten China wird ebenfalls von einer gelben Suppe aus Fäkalien berichtet, die angeblich Wunder wirkte.

Mittlerweile ist der Stuhltransfer eine angenehmere Prozedur, als eklige Suppe zu löffeln. Für den Spender reicht ein Gang auf die Toilette unter Mitnahme eines Probenbehälters. Dem Empfänger werden die Bakterien dann mittels Einlauf in den Enddarm übertragen oder per Nasensonde durch den Magen in den Dünndarm. Noch schonender für den Patienten ist das Verpacken einer gefriergetrockneten Probe in Kapseln, die sich erst im Darm auflösen. Das lieferte in Studien ähnlich gute Ergebnisse wie eine frische Spende.

Raus aus der Schmuddelecke

Die moderne Ära der Fäkalmedizin beginnt 1958 mit einer Fallserie im amerikanischen Fachblatt „Surgery“. Ben Eiseman, ein Internist aus Denver, beschreibt darin die „sofortige und dramatische“ Heilung von vier Patienten mit lebensbedrohlichen, antibiotika-bedingten Darmentzündungen durch „Fäkal-Einläufe“. Seine Schlussfolgerung lautete: „Diese einfache und doch rationale Therapiemethode sollte einer genaueren klinischen Evaluierung unterzogen werden.“ Eisemans Wunsch blieb aber lange unerfüllt. Es folgten ihm zunächst nur wenige Ärzte, so ist nur eine Reihe von Fallberichten überliefert. Diese suggerieren meist eine sehr gute Wirkung, doch einzelne Erfolge einer Therapie könnten auch auf Zufall beruhen. Zudem gelten gescheiterte Versuche oft als nicht publikationswürdig, was das Gesamtbild verzerrt. Um die Wirksamkeit einer Behandlung wirklich zu evaluieren, wie es Eiseman forderte, bedarf es kontrollierterer Studien, in denen Patienten nach dem Zufallsprinzip in Gruppen aufgeteilt werden, denen man dann die zu vergleichenden Therapien oder eine Placebo-Behandlung zukommen lässt.

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