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Virenalarm: Schock und Risiko : Die Seuche in unseren Köpfen

Wuhan und die Bilder des neuen Alltags: Medizinische Mitarbeiter mit Atemmasken und Schutzanzügen. Bild: dpa

Der Coronakrisenstab übernimmt: Sind die Reaktionen auf die Ausbreitung der neuen Viren übertrieben oder angemessen? Die Angst vor der Panik ist mittlerweile so groß wie die Angst vor dem Erreger selbst.

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          Wie soll man das noch verdrängen können: Ein Virus, das keiner kennt, sucht sich seine Opfer, bald Hunderttausende weltweit, und keiner kann sagen, wohin das führt? Wie sagte der Bundesgesundheitsminister: Es ist angekommen. Europa spürt die Angst. Die Angst vor der Panik ist mittlerweile so groß wie die Angst vor dem Erreger selbst. Denn die Ängste vor der angenommenen und der tatsächlichen Bedrohung sind extrem ungleich verteilt. Eigentlich nichts Neues: Bevor das Virus unsere Lungen bedroht, sind die Köpfe längst infiziert. So funktionieren Schockrisiken. Wir sind erbärmlich in unserem Risikomanagement. Unsere Wahrnehmung über alltägliche Gefahren wie die Grippe ist durch Routine und Verdrängung getrübt – jeden Tag stirbt statistisch ein Mensch, weil im Auto das Smartphone bedient wird. Plötzlich auftauchende Risiken dagegen erleben wir wie ein Schwert, das plötzlich über unseren Köpfen hin und her pendelt. Jedes Maß geht verloren, weil das nötige Wissen fehlt, um die tatsächliche Gefahr einschätzen zu können.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Man kann das mit einigem Zynismus auch so formulieren: Zwei Monate nach dem mutmaßlichen Beginn der neuen Seuche Covid-19, die irgendwann irgendwo durch irgendeinen unglücklichen infektiologischen Unfall höchstwahrscheinlich in China begonnen hat, stehen wir vor den Trümmern unserer erbarmungswürdigen Risikokompetenz. Wie labil die Steuerung der Ängste in solcher Lage ist, zeigt sich in der Reaktion der Wirtschaft und an den Märkten weltweit, aber auch in Europa – in Österreich etwa, wo man einen Zug gestoppt hat, in dem man Virusträger aus Norditalien vermutet hatte, die aber vorher ausgestiegen waren. Und erst die gespenstische Lage in Italien, wo das öffentliche Leben quasi lahmgelegt ist. Betreiben die italienischen Behörden hier also das böse Spiel von Verschwörungsanhängern, die sich in der allgemeinen Verunsicherung auf Spekulationen stürzen und unverhältnismäßige Reaktionen und Ängste provozieren?

          Die Absicht kann es kaum sein. Aus medizinischer Sicht ist der Versuch, das Virus durch soziale Isolation der möglichen Überträger einzudämmen, mithin sogar geboten. Für das europäische Seuchenzentrum ECDC etwa oder die Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben die Eindämmung der Epidemie nach wie vor höchste Priorität – nicht jedoch, weil man gute Gründe findet, dass das bei diesem neuen, leicht übertragbaren Erreger tatsächlich noch gelingen kann, sondern weil man Zeit gewinnen möchte. Zeit, die man braucht, um herauszufinden, ob die in China zur Zeit getesteten, ursprünglich gegen HIV, Ebola oder Malaria entwickelten Medikamente beim neuen Coronavirus helfen. Und Zeit vor allem für die Entwicklung eines Impfstoffs, die längst begonnen hat, aber mit den unverzichtbaren Sicherheits- und Wirksamkeitsprüfungen ganz sicher bis ins nächste Jahr dauern wird.

          Entschlossenheit in dieser Lage zu demonstrieren, Quarantäne zu verordnen, Schleimhautabstriche zu verordnen und Schulen oder Museen zu schließen bis hin zum Berufsverbot, sind Möglichkeiten, die auch etwa das deutsche Infektionsschutzgesetz sehr wohl zulässt. Sie in Aussicht zu stellen und damit mögliche Freiheitseinschränkungen anzukündigen, könnte aber schon den entscheidenden Schritt bedeuten, der in die Grauzone der Panikmache führt.

          Was aber wäre die Option – den schmalen Grat nicht betreten? Beschwichtigungen, wie sie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit der Allzeit-bereit-Formel für das deutsche Gesundheitssystem verbreitet, sind sicher ein nachvollziehbarer Versuch, die Aufmerksamkeit von der Panik hin zum Krisenmanagement zu lenken. Wir sind vorbereitet, seid ihr es auch! All diese Maßnahmen freilich, die Pandemie-Vorbereitungen zu eskalieren und gleichzeitig emotional zu deeskalieren, können nicht über das eigentliche Dilemma hinwegtäuschen: Gehandelt wird aus Unsicherheit und Unwissenheit heraus. Das Virus ist unberechenbar. Ein Beispiel: Auf der einen Seite rechnen Epidemiologen damit, dass die Dunkelziffer von symptomlosen und damit harmlos verlaufenden Covid-19-Infektionen hoch ist, was die Tödlichkeit des Erregers senkt. Auf der anderen Seite will die WHO bei ihren Inspektionen Hinweise auf eine große Zahl noch unentdeckter Fälle gestoßen sein. Das ist beileibe kein seriöser Beweis, dass die Sterblichkeit durch das Virus viel höher oder eben auf dem Niveau der Grippe-Erreger liegt. Es zeigt nur, wie geduldig wir auf Antworten warten müssen, bis irgendwann Klarheit herrscht. Vorsorgliche Hygiene zum eigenen Schutz kann dabei nie ein Fehler sein, erst Recht nicht jetzt, in der Hochsaison der Influenzapandemie.

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