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Coronavirus-Epidemie : „Die Situation außerhalb Chinas macht uns wirklich Sorgen“

  • -Aktualisiert am

Mit dem Ausbruch in Iran wurde deutlich, dass die Welt jetzt die nächste Phase der Epidemie erlebt. Inzwischen starben dort mehr als 34 Menschen an Covid-19, Hunderte sind infiziert. Bild: AP

Eindämmung in China – diese Strategie ist überholt, denn Covid-19 plagt mehr und mehr auch den Rest der Welt.

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          Auf der Pressekonferenz am Montag sah Iradsch Harirtschi, Irans stellvertretender Gesundheitsminister, alles andere als entspannt aus. Während der Regierungssprecher neben ihm erklärte, die Regierung habe die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 im Griff, wischte Harirtschi sich immer wieder den Schweiß von der Stirn. Am Abend saß er hustend in einer Talkshow. Am Dienstag verkündete er dann in einem Handyvideo, was manche Beobachter bereits vermutet hatten: Harirtschi hatte sich selbst mit dem Virus angesteckt und war an Covid-19 erkrankt. „Wir werden das Virus besiegen“, sagte er. Doch das sieht nach einer immer größeren Herausforderung aus. Weltweit.

          Tatsächlich treibt der Ausbruch in Iran auch den Gesundheitsexperten in der Ferne den Schweiß auf die Stirn. Der Ausbruch ist offenbar spät entdeckt worden, und nun breitet sich das Virus in einem Land aus, das von zahllosen Pilgern besucht wird, aber von Sanktionen geschwächt und von Ländern mit zerrütteten Gesundheitssystemen umgeben ist. Das Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung dürfte die Bekämpfung der Seuche nicht leichter machen.

          Alles deutet darauf hin, dass der Ausbruch in Iran weit größer ist, als das Regime bislang zugibt. Etwa jeder fünfzigste bekannte Covid-19-Fall weltweit endete tödlich – in Iran wurden bereits 34 Todesfälle gemeldet, aber lediglich ein paar hundert Infektionen: ein Zeichen dafür, dass viele milde Verläufe bislang nicht entdeckt wurden. Auch die Zahl der exportierten Infektionen deutet auf eine beträchtliche Zahl unentdeckter Fälle hin: Reisende haben das Virus von Iran aus etwa nach Kanada und Bahrein getragen. Forscher haben errechnet, wie groß der Ausbruch sein müsste, um dieses Muster zu sehen, sie schätzen: 23.000 Fälle.

          Sorgen um die Situation außerhalb Chinas

          Die Situation in Iran ist besonders besorgniserregend, aber sie ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass die Epidemie längst in eine neue Phase eingetreten ist. „Es sieht für mich so aus, als ob dieses Virus wirklich aus China entwichen ist und sich nun recht weit verbreitet“, sagt der britische Epidemiologe Christopher Dye. Die Strategie der Weltgesundheitsorganisation war bislang, das Virus in China einzudämmen und sich wie eine Art Virusfeuerwehr zu verhalten: den Brandherd in China bekämpfen und verhindern, dass das Feuer auf andere Länder übergreift. Der erste Teil der Strategie scheint im Moment zu funktionieren: Die Zahl der Infektionen in China sinkt. Doch einige Funken haben anderswo Feuer entfacht. In Iran zum Beispiel, aber auch in Italien, Südkorea, Japan.

          Jeder Brandherd schickt wieder Funken aus. Fälle aus Italien sind unter anderem in Deutschland, Norwegen und der Schweiz aufgetaucht. Und welche Schwelbrände bislang unentdeckt geblieben sind, ist unklar. Eine Forschungsgruppe um Neil Ferguson vom Imperial College in London kommt zu dem Schluss, dass vermutlich nur ein Drittel der Reisenden aus China, die mit Sars-CoV2 infiziert waren, auch gefunden wurden: „Wir schätzen, dass weltweit etwa zwei Drittel der Covid-19-Fälle, die aus China exportiert wurden, unentdeckt geblieben sind“, hält Fergusons Team in einer aktuellen Studie fest. „Das könnte zu zahlreichen bislang unerkannten Ansteckungsketten von Mensch zu Mensch außerhalb Chinas geführt haben.“ Am Mittwoch registrierte die WHO erstmals mehr neue Covid-19-Fälle im Rest der Welt als in China: „Was uns wirklich Sorgen macht, ist die Situation außerhalb Chinas“, sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der WHO, auf einer Pressekonferenz in Genf. Mittlerweile sind 54 Nationen betroffen.

          Damit ist eine neue Strategie nötig. Nicht mehr, um das Virus in China einzudämmen, sondern jetzt geht es darum, dessen Ausbreitung überall abzubremsen. Aus der Welt lässt sich der Erreger damit nicht schaffen, aber zumindest die Zahl der Erkrankten würde langsamer ansteigen – und das bringt Vorteile: Ärzte und Krankenhäuser haben mehr Zeit, sich vorzubereiten, die Intensivstationen werden weniger belastet, und neue Erkenntnisse über wirksame Medikamente könnten mehr Menschen helfen. „Wenn ich die Wahl hätte, heute oder in sechs Monaten an Covid-19 zu erkranken, dann würde ich definitiv vorziehen, das in sechs Monaten zu bekommen“, sagt Harvard-Epidemiologe Marc Lipsitch. Dann wäre die derzeit zusätzlich belastende Grippesaison vorbei, und es bleibt die kleine Hoffnung, dass wärmeres Frühlingswetter die Verbreitung bremst.

          Der Frühling bringt Hoffnung

          In dieser neuen Phase kehren sich die Verhältnisse plötzlich um: Nun erhebt China Einreisebeschränkungen für Reisende aus Italien, Iran und Südkorea. Und statt die zögerliche Antwort Chinas in der Anfangszeit zu kritisieren, werten Forscher das Vorgehen der Chinesen aus, um herausfinden, was die Welt von ihnen lernen kann. Ein internationales Expertenteam war zehn Tage in China unterwegs. Ihr Bericht, der am Freitag veröffentlicht wurde, dürfte das weitere Vorgehen massiv beeinflussen. Die Kernaussage: „Chinas mutiger Ansatz, die schnelle Ausbreitung dieses neuen Atemwegs-Erregers einzudämmen, hat den Verlauf einer schnell eskalierenden tödlichen Epidemie verändert.“

          Und die Experten treten Spekulationen entgegen, die Zahlen aus China könnten geschönt sein. „Dieser Abfall in Covid-19-Fällen in China ist real.“ Bruce Aylward, der die Mission leitete, sagt, China habe etwas Außergewöhnliches erreicht: „Sie haben ihre eigene Herangehensweise für eine neue Krankheit entwickelt, und erstaunlicherweise haben sie diese Krankheit mit Methoden besiegt, von denen der Großteil der Welt glaubte, sie würden nicht funktionieren.“ So hätten sie Zehntausende Fälle verhindert. Dieser Erfolg ging allerdings zu Lasten der Bevölkerung. Lawrence Gostin, der an der Georgetown University internationale Gesundheitspolitik erforscht, nennt die Methoden, wie das Abriegeln einer ganzen Stadt, „erstaunlich, beispiellos und mittelalterlich“. Er mache sich vor allem um das geistige Wohl der Menschen Gedanken, die abgeschnitten von der Außenwelt und ohne Gesundheitsversorgung in der Sperrzone leben mussten. „Das wäre vermutlich in keinem anderen Land der Welt denkbar.“

          Genau das ist nun die Frage: Wie viel von dem chinesischen Ansatz kann und will ein Land wie Deutschland übernehmen? In einer Analyse, die auf einem Preprint-Server vor der Begutachtung veröffentlicht wurde, kam Dye mit Kollegen zu dem Schluss, dass die effektivsten Maßnahmen in China das Aussetzen des öffentlichen Verkehrs, das Schließen von Vergnügungslokalen und das Verbieten von Versammlungen waren. Wie sinnvoll es ist, Schulen zu schließen, ist dagegen ungewiss. Kinder erkranken deutlich seltener, sie könnten die Erreger aber womöglich trotzdem streuen.

          Eine weitere wichtige Frage ist, was in den nächsten Tagen und Wochen passiert, wenn die strengen Regeln langsam zurückgenommen werden. „Wenn in China das normale Leben wieder anfängt, würden wir einen erneuten Anstieg erwarten“, sagt Dye. Wie gut sie das Virus im Griff habe, wenn die Gesellschaft zu einer gewissen Normalität zurückkehre, dürfte entscheidend sein, sagt der britische Epidemiologe Steve Riley. Viele Länder könnten bereit sein, für eine kurze Zeit massive Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen zu dulden – wenn sich bewahrheite, dass sich das Virus so wirklich besiegen lässt.

          Die iranischen Behörden haben bisher jedenfalls wenig unternommen. Möglicherweise ändert sich das bald. Am Mittwoch erlag die 23-jährige Fußball-Nationalspielerin Elham Scheichi Covid-19. Und nicht nur Vizepräsidentin Masoumeh Ebtekar ist nun infiziert, sondern mehrere Parlamentarier haben sich angesteckt.

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