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Coronavirus-Epidemie : „Die Situation außerhalb Chinas macht uns wirklich Sorgen“

  • -Aktualisiert am

Damit ist eine neue Strategie nötig. Nicht mehr, um das Virus in China einzudämmen, sondern jetzt geht es darum, dessen Ausbreitung überall abzubremsen. Aus der Welt lässt sich der Erreger damit nicht schaffen, aber zumindest die Zahl der Erkrankten würde langsamer ansteigen – und das bringt Vorteile: Ärzte und Krankenhäuser haben mehr Zeit, sich vorzubereiten, die Intensivstationen werden weniger belastet, und neue Erkenntnisse über wirksame Medikamente könnten mehr Menschen helfen. „Wenn ich die Wahl hätte, heute oder in sechs Monaten an Covid-19 zu erkranken, dann würde ich definitiv vorziehen, das in sechs Monaten zu bekommen“, sagt Harvard-Epidemiologe Marc Lipsitch. Dann wäre die derzeit zusätzlich belastende Grippesaison vorbei, und es bleibt die kleine Hoffnung, dass wärmeres Frühlingswetter die Verbreitung bremst.

Der Frühling bringt Hoffnung

In dieser neuen Phase kehren sich die Verhältnisse plötzlich um: Nun erhebt China Einreisebeschränkungen für Reisende aus Italien, Iran und Südkorea. Und statt die zögerliche Antwort Chinas in der Anfangszeit zu kritisieren, werten Forscher das Vorgehen der Chinesen aus, um herausfinden, was die Welt von ihnen lernen kann. Ein internationales Expertenteam war zehn Tage in China unterwegs. Ihr Bericht, der am Freitag veröffentlicht wurde, dürfte das weitere Vorgehen massiv beeinflussen. Die Kernaussage: „Chinas mutiger Ansatz, die schnelle Ausbreitung dieses neuen Atemwegs-Erregers einzudämmen, hat den Verlauf einer schnell eskalierenden tödlichen Epidemie verändert.“

Und die Experten treten Spekulationen entgegen, die Zahlen aus China könnten geschönt sein. „Dieser Abfall in Covid-19-Fällen in China ist real.“ Bruce Aylward, der die Mission leitete, sagt, China habe etwas Außergewöhnliches erreicht: „Sie haben ihre eigene Herangehensweise für eine neue Krankheit entwickelt, und erstaunlicherweise haben sie diese Krankheit mit Methoden besiegt, von denen der Großteil der Welt glaubte, sie würden nicht funktionieren.“ So hätten sie Zehntausende Fälle verhindert. Dieser Erfolg ging allerdings zu Lasten der Bevölkerung. Lawrence Gostin, der an der Georgetown University internationale Gesundheitspolitik erforscht, nennt die Methoden, wie das Abriegeln einer ganzen Stadt, „erstaunlich, beispiellos und mittelalterlich“. Er mache sich vor allem um das geistige Wohl der Menschen Gedanken, die abgeschnitten von der Außenwelt und ohne Gesundheitsversorgung in der Sperrzone leben mussten. „Das wäre vermutlich in keinem anderen Land der Welt denkbar.“

Genau das ist nun die Frage: Wie viel von dem chinesischen Ansatz kann und will ein Land wie Deutschland übernehmen? In einer Analyse, die auf einem Preprint-Server vor der Begutachtung veröffentlicht wurde, kam Dye mit Kollegen zu dem Schluss, dass die effektivsten Maßnahmen in China das Aussetzen des öffentlichen Verkehrs, das Schließen von Vergnügungslokalen und das Verbieten von Versammlungen waren. Wie sinnvoll es ist, Schulen zu schließen, ist dagegen ungewiss. Kinder erkranken deutlich seltener, sie könnten die Erreger aber womöglich trotzdem streuen.

Eine weitere wichtige Frage ist, was in den nächsten Tagen und Wochen passiert, wenn die strengen Regeln langsam zurückgenommen werden. „Wenn in China das normale Leben wieder anfängt, würden wir einen erneuten Anstieg erwarten“, sagt Dye. Wie gut sie das Virus im Griff habe, wenn die Gesellschaft zu einer gewissen Normalität zurückkehre, dürfte entscheidend sein, sagt der britische Epidemiologe Steve Riley. Viele Länder könnten bereit sein, für eine kurze Zeit massive Eingriffe in die Freiheit des Einzelnen zu dulden – wenn sich bewahrheite, dass sich das Virus so wirklich besiegen lässt.

Die iranischen Behörden haben bisher jedenfalls wenig unternommen. Möglicherweise ändert sich das bald. Am Mittwoch erlag die 23-jährige Fußball-Nationalspielerin Elham Scheichi Covid-19. Und nicht nur Vizepräsidentin Masoumeh Ebtekar ist nun infiziert, sondern mehrere Parlamentarier haben sich angesteckt.

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