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Angst vor Corona : Dreist in der Krise

  • -Aktualisiert am

Hausärzte haben zum Teil ihre liebe Not damit, Patienten aus ihren Praxen fernzuhalten, die möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert sind. Bild: dpa

Patienten, die lügen, um den Doktor zu sprechen. Ärzte, die fiktive Impfungen anbieten. Menschen, die die Corona-Krise immer noch für einen Medienhype halten. Nicht nur an den Supermarktregalen provoziert das Virus allerlei problematisches Verhalten.

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          Der Zugang zu Arztpraxen ist schwieriger geworden: „Bei respiratorischen Symptomen erhält Patient/in einen Mund-Nasen-Schutz und wird nach Möglichkeit separiert“, schreibt das Robert-Koch-Institut in einer Orientierungshilfe für Ärzte. Und so passiert es meist auch. „Bei Husten, Schnupfen, Fieber sollen unsere Patienten an einem großen Tisch vor der Praxis zunächst einen Fragebogen ausfüllen. Dann werden sie gegebenenfalls über einen Dachgarten in den hinteren Bereich der Praxis geleitet, wo sie in einem der Infektionszimmer untersucht und behandelt werden“, sagt Holger Knapp, Allgemeinarzt aus Castrop-Rauxel. „Der entscheidende Punkt ist: Verdächtige werden von den anderen Patienten getrennt.“ So wird, je nach baulicher Situation, in vielen Arztpraxen verfahren.

          Wer dagegen wegen Fieber telefonisch einen Termin ausmachen will und keine weiteren Symptome hat, soll die Praxis erst gar nicht betreten. „Einen Patienten hatte ich telefonisch beraten, ihm eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausgestellt und betont, dass er nicht in die Praxis kommen dürfe. Er stand dann trotzdem unangemeldet am Empfang, mit Halsschmerzen und Husten, und bestand ultimativ und aggressiv darauf, die Ärztin zu sehen und abgehört zu werden“, sagt Daniela Selle, Allgemeinärztin, ebenfalls in Castrop-Rauxel. „Er war in den nächsten Tagen dann noch beim Hausärztlichen Notdienst und sogar im Krankenhaus, das ihn aber nicht aufgenommen hat.“

          Solch Betragen ist gefährlich, aber ist es strafbar?

          Andere Patienten haben Fieber, Halsschmerzen oder Husten und ignorieren trotzdem die großen Warnschilder vor der Praxis. Einige erfinden sogar akute, ganz andere Beschwerden, mit denen sie nicht abgewiesen werden können. Sie sitzen dann möglicherweise infektiös mitten im normalen Wartezimmer. „Einer der Patienten hat sogar gedroht: Ich verlasse ihre Praxis nicht, wenn ich nicht einen Corona-Test bekomme“, berichtet die Ärztin. Der Mann war, wohlgemerkt, ohne Symptome, ohne Kontakt zu Infizierten, ohne eine Reise in gefährdete Gebiete. Aber er hatte große Angst. „Es waren übrigens keine Alten, sondern junge Menschen, vor allem Männer“, sagt Daniela Selle. Eine aktuelle Umfrage des von einer Professorin der Universität Erfurt geleiteten Konsortiums „Covid-19 Snapshot Monitoring“ (Cosmo) bestätigt genau dies: „Eher jüngere Menschen scheinen akute Belastungs-Symptome zu zeigen. Insbesondere Männer zwischen 30 und 39 Jahren scheinen stärker betroffen zu sein.“ Die Angst vor Corona ist jung, und sie ist männlich!

          Natürlich unterlaufen Patienten mit erfundenen Symptomen alle Sicherungsmaßnahmen, die eine Arztpraxis gegen Corona ergreifen kann. Und gefährden aus Dummheit oder Egoismus das Praxispersonal und die anderen Patienten im vollen Wartezimmer. Ist das strafbar? „Es gibt keine Fälle, in denen ein solches Verhalten vor Gericht abgeurteilt worden wäre“, sagt Susanne Schröder, Anwältin aus Hannover. „Aber ein Strafverfahren wäre ausdrücklich möglich – und eine Verurteilung wegen vorsätzlicher schwerer oder gefährlicher Körperverletzung ausdrücklich denkbar.“ Es ist keine Kleinigkeit, sich mit Fieber gegen eindeutigen ärztlichen Rat in ein Wartezimmer zu setzen, in dem Alte und Kranke sitzen. Und deren Infektion in Kauf zu nehmen. „Es gibt Fälle, die vielleicht grundsätzlich vergleichbar sind: Fälle, in denen eine HIV-infizierte Person Sex mit anderen hatte, ohne ihnen diese Infektion vorher mitzuteilen. Und es gab Verurteilungen wegen gefährlicher Körperverletzung“, so Schröder. Weder Angst noch Lust schützen vor Strafe.

          Angst frisst Verstand

          Weil die meisten Patienten Angst vor Infektionen haben, verschieben sie verschiebbare Arztbesuche, Behandlungen, Eingriffe und auch ambulante Operationen: Die Hausarztpraxen sind voll, die Facharztpraxen leer. Das bringt auch Mediziner auf bizarre Ideen. Viele Gesprächspartner wollen ausdrücklich nicht mit Namen genannt werden. „Schreiben Sie: aus gut informierten Kreisen“, heißt es. Einer dieser gut informierten Kreise berichtet von einem Arzt im Berliner Raum, der mit einer Corona-Impfung warb. Aber eine Impfung gegen das neue Coronavirus SARS-CoV-2 gibt es nicht – noch nicht. Die Werbung ist eine Lüge. „Vermutlich hat er den Patienten irgendeine selbst zu zahlende Behandlung angeboten“, heißt es. Wer die Medien verfolgt, hätte wissen müssen, dass es keine Impfung gibt. Aber die Angst vor der Krankheit ist bei vielen übermäßig, der Verstand setzt aus.

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