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Sars-CoV-2-Ursprung : Die Rache der Ideologen an der Virologie

China schirmt das Wuhan-Institut für Virologie ab. Bild: dpa

Nicht zum ersten Mal, diesmal aber besonders hitzig wird um die Herkunft des Pandemievirus gestritten. Was steckt dahinter? Neue Fakten sind es nicht. Klar ist: Der Konflikt befördert den Fanatismus – und schadet der Aufklärung.

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          „Die Wissenschaft ist zu einer Waffe geworden.“ Der Forscher, von dem diese Interviewzeile stammt, nimmt für sich 340.000 Zitierungen in Anspruch. Er gehört auch zu den Wissenschaftlern, die in der Pandemie keine Hemmungen erkennen ließen, sich von den „politischen Ex­tremen“ instrumentalisieren zu lassen, von denen er sich im Interview nun moralisch abzugrenzen versucht.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          John Ioannidis von der Stanford-Universität, einer der meistzitierten Medizinforscher, sieht sich und die wissenschaftliche Welt also inzwischen in eine Art epistemischen Bürgerkrieg verstrickt. Es geht um Wissen und Wahrheit in der Gesundheitskrise. Von solchen Konflikten sieht er derzeit kein Land ausgenommen, allerdings ist sein eigenes, das zeigen die neuen Auseinandersetzungen über den möglichen Ursprung von Sars-Cov-2, in der Hinsicht kaum zu übertreffen.

          Aus E-Mails herausgelesen und herbeifantasiert

          Am vergangenen Wochenende spitzte sich die Lage in den Medien und sozialen Netzwerken zu: Unter dem Twitter-Hashtag #FauciGate versammelte sich ein Heer von Zehntausenden Anklägern und virologischen Dilettanten, die vom berühmten Corona-Berater Washingtons, Anthony Fauci, den Rücktritt forderten.

          Präsidenten-Berater Anthony Fauci, Direktor des  National Institute of Allergy and Infectious Diseases.
          Präsidenten-Berater Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases. : Bild: AP

          Fauci habe von zwielichtigen Coronavirus-Experimenten im Wuhan-Institut für Virologie lange gewusst und von der Möglichkeit eines „Lab-Leak“ gesprochen – der These, dass Sars-CoV-2 nicht, wie von Experten um Fauci immer wieder betont, natürlicherweise und wahrscheinlich auf dem Huanan-Wildtiermarkt in Wuhan vom Tier auf den Menschen übertragen wurde, sondern dass es aus dem Wuhan Institute of Virology entwischt sei. Oder noch gravierender, in der Zuspitzung von Republikaner-Anhängern: dass es von chinesischen Virologen im Labor mit der Unterstützung amerikanischer Wissenschaftler und dem Wissen Faucis als „Biowaffe“ entwickelt worden sei.

          Das alles wurde aus Tausenden veröffentlichter E-Mails herausgelesen und herbeifantasiert, die voriges Jahr zwischen Fauci und vielen anderen Wissenschaftlern ausgetauscht worden waren. Wie genau die Verbindungen und Geldflüsse zwischen den USA und Wuhan vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie auch waren, sie können – so sie denn in den nächsten Monaten aufgeklärt werden – kaum so bizarr gewesen sein wie die inzwischen kursierenden Deutungen. Selbst ein ehemaliger Direktor der Zulassungsbehörde FDA, Scott Gottlieb, und der Ex-Chef der obersten amerikanischen Seuchenbehörde CDC, Robert Redfield, befeuerten munter antiwissenschaftliche Auswüchse.

          Wissen war nie wertvoller

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          Der eine meinte, dass es „ständig zu versehentlichen Verschleppungen von Viren aus Biosicherheitslaboren“ komme. Der andere, Redfield, hält es „persönlich für extrem unvorstellbar“, dass ein so fremdes Tier wie die Fledermaus ein hochansteckendes Virus wie Sars-CoV-2 auf einen Menschen übertragen könne. Damit hatten beide der Lab-Leak-These mächtig Rückenwind verschafft. Was sie nicht gemerkt oder vielleicht doch in Kauf genommen haben, waren die Motive, die hinter der neuerlichen Popularisierung der Laborthese standen: nämlich der bei Fanatikern höchst willkommene Versuch, die Wissenschaft durch politisch interessierte Kreise zu delegitimieren.

          In der Virologie selbst, das haben Fauci und zuletzt auch der Charité-Forscher Christian Drosten in einem Interview eines Schweizer Magazins deutlich gemacht, hat sich am Informations- und Kenntnisstand seit der Veröffentlichung des WHO-Berichts Ende März nichts wesentlich geändert: Keine der Thesen zum Ursprung des Virus, natürliche Quellen oder Labor, lässt sich mit den vorliegenden Daten endgültig beweisen. Weswegen vor Kurzem siebzehn US-Forscher in der Zeitschrift Science zusätzliche Untersuchungen einforderten (was die WHO selbst schon angekündigt hat).

          Zum Konsens der Experten gehört freilich auch, dass die beiden Ursprungsthesen keineswegs gleichwertig durch die bisherigen Evidenzen gestützt werden. Als viel wahrscheinlicher gilt nach wie vor die aus den Sars-1- und Mers-Epidemien plausibel abgeleitete Überlegung, dass das Coronavirus aus Fledermäusen stammt und durch den engen Kontakt mit einem der vielen möglichen Überträger, von Zibetkatzen, Nagern über Marderhunde bis zu Schuppentieren, aus einer Tierfarm auf den Wildtiermarkt in Wuhan gelangte.

          Sicherheitskräfte  vor dem Wuhan-Labor
          Sicherheitskräfte vor dem Wuhan-Labor : Bild: Reuters

          Der WHO-Bericht lieferte hundertfach Daten und begründete Hinweise dafür. Angefangen von Umwelt- und Tierproben über negative Antikörpertests der Institutsmitarbeiter im Wuhan-Labor bis zu genetischen und epidemiologischen Studien in und um Wuhan. Auch der molekulare Aufbau des Virus überzeugt bisher kaum einen Experten vom konstruierten Erreger. So führen also viele Spuren zu den Wildtierhändlern und nur wenige ins chinesische Labor. Bis auf eine: der bislang kryptisch gebliebene Hinweis des amerikanischen Geheimdienstes nämlich, dass drei Mitarbeiter des Wuhan-Instituts sich schon Wochen vor dem Ausbruch in einer Klinik wegen „Symptomen behandeln ließen, die mit Covid-19 vereinbar“ seien.

          Das Einzige, was die substanzlosen Gefechte um den Virusursprung also brachten, ist die Gewissheit: Die dringend nötigen weiteren Nachforschungen in China und die dafür nötige Unterstützung aus Peking werden so aber immer schwieriger.

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