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Corona-Pandemie : Das Virus ist schneller als unser Wissen

Unter dem Mikroskop: SARS-CoV-2-Erreger Bild: AP

Zu viele Leute nehmen die Warnungen nicht ernst. Sie klammern sich daran, dass auch die Experten im Dunkeln tappen. Doch Unwissen schützt nicht vor Verantwortung.

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          Die Pandemie ist in einer entscheidenden Phase. Dieses Gefühl hat jetzt fast jeder. Doch entspricht diese gefühlte akute Bedrohung, die Mediziner, Wissenschaftler und auch die Politiker auf allen Kanälen vermitteln, auch der Realität? Oder ist vielleicht doch alles Hysterie, wie in einer aktuellen Bitcom-Umfrage ein Viertel der Menschen im Land behauptet?

          Fast die Hälfte der Menschen hat in derselben Erhebung angegeben, das eigene soziale Verhalten, sprich: die engen Kontakte zu Freunden, Angehörigen und Kollegen, noch nicht verändert zu haben. Die Warnungen vor der Pandemie und die Appelle von höchster Stelle werden also von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung nicht ernst genommen.

          Weil sie es besser wissen? Weil sie um sich blicken und gar keine schwerkranken oder sterbenden Menschen sehen oder, wie es die geselligsten Zeitgenossen sehen, weil das Leben einfach zu kurz ist für eine lange Auszeit? Wer so denkt und auch wer die Welt, wie er sie kennt mit Familie und Kollegen, nicht für ein paar Monate verlieren möchte, wer auch das wirtschaftliche Desaster im Blick hat, sucht nach Gründen, die Realität der Pandemie zu leugnen.

          Und er klammert sich womöglich daran, dass die mit dem Virus beschäftigten Wissenschaftler noch längst nicht alles wissen. Aber hilft es? Die Frage nach der eigenen Verantwortung kann jedenfalls nicht unbeantwortet bleiben. Schon für sich selbst und die Seinen nicht. Keiner kann sich einfach wegdrehen und weitermachen.

          Die Wissenschaft ist Teil des Experiments

          Skepsis gibt es bei den Wissenschaftlern durchaus auch. Sie finden sich selbst als Teil dieses Experiments wieder, sie haben nicht die Kontrolle darüber. Angesichts der lückenhaften Daten über das Virus und international schwer vergleichbarer Gesundheitssysteme können sie auch nach fast drei Monaten nicht sicher sagen, wie hoch die Tödlichkeit des Virus tatsächlich ist. Sie kennen auch nicht die wahre Verbreitung des Virus, weil schlichtweg zu wenig getestet wird und mit zunehmender Ausbreitung des Erregers auch die Kapazitäten ein immer größeres Problem werden.

          Dunkelziffern sind aber nur ein Teil der wissenschaftlichen Unsicherheit. Evidenzen, also qualitativ hochwertige und aussagekräftige Daten, haben für Wissenschaftler normalerweise oberste Priorität. Doch auch sie ist ein Opfer dieses globalen Echtzeit-Experiments. Das Virus verbreitet sich einfach zu rasant, um sicheres Wissen zu generieren.

          Was die Wissenschaftler allerdings sehen und was jeder auch in Echtzeit verfolgen kann, sind die vielen Opfer der Pandemie – nicht nur die mittlerweile mehr als zehntausend Todesopfer, sondern auch das bis an die Grenzen überlastete Medizin- und Pflegepersonal. Man darf sich von den international vergleichsweise wenigen Todesopfern nicht täuschen lassen: Die Pandemie steht bei uns noch am Anfang, wir sind in der exponentiellen Ansteckungsphase. Wir alle verfolgen diese Kurven.

          Experten jedenfalls besitzen kein exklusives Wissen, das sie in ihren Aufrufen zum schnellen Handeln nun in Anschlag bringen. Auch sie agieren in Unsicherheit. Doch Unwissen, das ist ihre moralische Richtschnur in dieser entscheidenden Phase, kann keinen vor der Übernahme von Verantwortung schützen. Man weiß genug, um zu handeln, mehr sagen die Experten gar nicht. An der Politik ist es, das richtige Maß und eine Balance zu finden, damit der Preis, den die Pandemie verlangt, möglichst niedrig bleibt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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