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Gefährliche Corona-Varianten? : Wie das Virus dem Impftod entkommen will

Zwei colorierte Sars-CoV-2- Partikel im Elektronenmikroskop. Bild: AFP

Experimente in einem amerikanischen Labor und Genbefunde aus England könnten für Verunsicherung sorgen: Wird Sars-CoV-2 trotz Impfung schneller als gedacht unserem Immunsystem entkommen? Jetzt geht die Jagd auf den Erreger richtig los.

          7 Min.

          Wie erfolgreich die Impfstoffe in den nächsten Monaten die Covid-19-Pandemie eindämmen, hängt nicht nur davon ab, wie die Menschen darauf reagieren (den Zulassungstests zufolge sehr beeindruckend), sondern auch, wie schnell der Erreger Sars-CoV-2 darauf reagiert. Genauer gesagt, wie schnell schafft es das Virus, der vom Impfstoff ausgelösten Immunantwort zu entkommen. Das ist eine der zentralen Fragen, die seit gestern die Experten besonders interessiert.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Denn pünktlich zum Impfbeginn in vielen Ländern und der am Montag erwarteten Zulassung der mRNA-Impfstoffe in Europa, hat eine renommierte Gruppe amerikanischer Molekularbiologen um den Bioinformatiker Jesse Bloom vom Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle eine noch nicht begutachtete Studie auf der Preprint-Plattform „bioRxiv“ veröffentlicht, die einige noch ungeklärte Fragen zur Virus-Evolution beantworten kann. Zumindest hat sie theoretisch das Zeug, schlimme Befürchtungen über die Langzeitwirkung der Corona-Impfstoffe zu wecken, sofern man die Studie nicht bis zum letzten Satz durchliest.

          Die Forscher sind dabei in einer durchaus ungemütlichen Lage. Mit ihren Befunden können sie bei vielen die Unsicherheit über die Impfstoffwirkung eher sogar fördern als ausräumen. Die Situation ähnelt etwa den überwiegend auf Twitter geführten Diskussionen der vergangenen Tage um die Fragen, ob Erbgut-Reste des Covid-19-Erregers (und damit auch die in Impfstoffen verwendete Erbinformation) im Verlauf der Infektion in das menschliche Erbgut eingeschleust werden, oder ob bereits ein Virus-Stamm kursiert, der mit der Impfung nicht erreicht wird. Beides lässt sich mit den verfügbaren Daten jedoch verneinen.

          Die Integration von Virus-Erbgut, sofern sie sich bestätigen sollte, hat mit den Corona-Impfstoffen gar nichts zu tun. Und die vor fünf Tagen von Gesundheitsbehörden und Laboren in London aufgebrachten Beobachtungen, in Südengland rund um Kent und London breite sich eine neue Sars-CoV-2-Variante mit siebzehn Genmutationen namens VUI – 202012/01 aus, die möglicherweise das Virus unempfindlich mache gegen die Corona-Impfstoffe, böten somit offensichtlich auch keinen Grund zur Sorge.

          So reagierten jedenfalls alle einschlägigen Experten. Denn dass sich die Sars-CoV-2-Viren vermehren, und zwar umso schneller, je weiter sich der Erreger weltweit ausbreitet, ist alles andere als ungewöhnlich. Die entscheidende Frage lautet: Verändert sich das Virus an den entscheidenden Stellen so, dass die Antikörper und Immunzellen, die den Erreger bekämpfen sollen, keinen Zugriff mehr haben?

          Unruhig geworden ist das Londoner Gesundheitsministerium, weil wenigstens ein Teil der Mutationen tatsächlich an der empfindlichsten Stelle auf dem Spike-Protein festgestellt wurde: in der sogenannten Rezeptor-Bindungs-Domäne RBD. Das ist der Teil auf der Spitze des Spike-Proteins, mit dem das Virus an die menschlichen Zellen andockt. Eine einzelne Mutation – N501Y – ist dabei besonders aufgefallen. Sie wurde kurz darauf auch von dem südafrikanischen Gesundheitsminister als verdächtige „neue Virus-Variante“ eingestuft. Was allerdings völlig unklar ist, und was auch aus den Daten der Covid-19-Genetiker nicht abgelesen werden kann, ist die Wirkung dieser kleinen Veränderungen. Zumindest gebe es bisher keine Hinweise, so ließen Molekularbiologen wie Emma Hodcroft von der Universität Bern und Mitgründerin von „Nextstrain“  wissen, die darauf hindeuten, dass diese Variante sich schneller ausbreite oder einen schwereren Verlauf der Covid-19-Krankheit verursache.

          Ende November erst veröffentlichten britische Wissenschaftler um Lucy van Dorp vom University College London eine Untersuchung in „Nature Communications“, in der bei annähernd 47.000 von aus 99 Staaten isolierten Sars-CoV-2-Viren keine wirklich hochgradig besorgniserregenden Mutanten festgestellt wurden – von der schon länger bekannten D614G-Mutante abgesehen, die allerdings den Erreger wohl auch nicht grundlegend gefährlicher gemacht hat. Eingeflossen in diese Studie waren allerdings längst noch nicht alle der inzwischen in die Hunderttausende gehenden Sars-CoV-2-Genome.

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