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Feinstaub und Covid-19 : Verschärft schmutzige Luft das Pandemie-Desaster?

Gute Gründe also, die Berechnungen der Harvard-Forscher infrage zu stellen. Wären da nicht weitere Hinweise aus anderen Studien und Veröffentlichungen, die sogar einen weiteren Verdacht ins Spiel bringen. Ist es denkbar, dass nicht die historische Vorbelastung allein, sondern vor allem die aktuelle Luftverschmutzung das Sterberisiko bei einer Sars-CoV-2-Ansteckung erhöht?  Das fragen sich italienische, französische und britische Wissenschaftler in einem beim „Journal of Infection“ eingereichten Aufsatz. Im Dezember und Januar,  dem Beginn der Sars-CoV-2-Ausbreitung in China, sei die Luftbelastung ausgerechnet in der Poebene in  Norditalien auf neue Höchstwerte geklettert. Sollte das Zufall sein? Antonio Frontera vom San Raffaele Hospital in Mailand und seine Kollegen glauben nicht daran. Norditalien war nicht nur stark belastet, über der Industrieregion im Norden, eingeschlossen zwischen den Alpenausläufern, wehte auch wenig Wind. Es herrschte lange Inversionswetterlage, die Luft war quasi gefangen über der Ebene. Ideal, so die Forscher, damit sich die Feinstaubpartikel relativ lange in der Luft halten können. Und eben nicht nur die. In der Theorie der Wissenschaftler waren die Verhältnisse auch ideal für die mit Tröpfchen und teilweise auch als mikrometergroße Aerosole ausgeschiedenen Coronaviren, die so nämlich minutenlang in der Luft schweben können.

Die Viruspartikeln und Feinstaubpartikeln sind so klein, dass sie in der Vorstellung der Autoren leicht und in großen Mengen tief in die Lungen eingeatmet werden konnten, wo sie gemeinsam Unheil anrichten: Einerseits durch Entzündungsprozesse auf der Oberfläche der Lungenbläschen, und andererseits durch die rasche Virusvermehrung, die das Immunsystem am Ende radikal überfordert. Belege dafür? Liefern die Autoren des Artikels nicht, doch es gibt inzwischen Befunde, die zumindest die Spekulation stützen: Im „New England Journal of Medicine“ hat der Mediziner Matthew Meselson von der Harvard-Universität den Aerosolverdacht mit einem Kommentar zu einer aktuellen Publikation im selben Blatt erhärtet. Man könne nach einigen Publikationen zur Verweildauer und den Ansteckungsmechanismen des neuen Coronavirus davon ausgehen, „dass Aerosole von infizierten Personen ein Inhalatationsrisiko darstellen können“, zumindest in geschlossenen Räumen oder schlecht belüfteten Umgebungen.

Empirische Daten liefert aber auch Meselson nicht. Die kommen allerdings von chinesischen Forschern der Fudan University in Schanghai in einem MedRxiv-Preprint, einem ebenfalls noch nicht abschließend begutachteten Aufsatz. Darin protokollieren Ye Yao und seine Kollegen den Verlauf der Feinstaubbelastung in Wuhan, dem Epizentrum der Corona-Pandemie, und der Sterblichkeit zwischen Mitte Januar und Mitte März. Wieder also nur eine Beobachtungsstudie, die im besten Fall Korrelationen zu identifizieren erlaubt. Und doch: die Kurvenverläufe sind erstaunlich. Anfangs war die Luftbelastung mit bis zu 100 Mikrogramm pro Kubikmeter sehr hoch.

Mit dem Shutdown in Wuhan sanken die Schadstoffwerte im Zentrum sukzessive bis Mitte Februar bis auf unter 20 Mikrogramm ab, um danach allmählich wieder anzusteigen. Zeitlich versetzt, nämlich um die etwa drei Wochen zwischen Ansteckung und dem Tod vieler Patienten mit einem schweren Covid-19-Verlauf, entwickelte sich die Sterberate in Wuhan – nämlich annähernd parallel zu den PM2,5 und PM10-Werten (größere Feinstaubpartikel mit bis zu zehn Mikrometern). Diese Zeitverzögerung, so die Forscher aus Schanghai spiegele möglicherweise die physiologischen Wirkung der Feinstaubpartikel wider, die zusammen mit den Viren in die Luftwege und Lungen gelangten. „Die systemische Entzündung und der oxidative Stress, der durch den Feinstaub ausgelöst wird, beförderte möglicherweise den Übergang von einem milden zu einem schweren Verlauf der Virusinfektion, was letzten Endes die Kreislauffunktionen und die Prognose der Covid-19-Patienten stark beeinträchtigte“. Eine Spekulation, das gestehen die chinesischen Forscher ein, Dauer und Umfang der Studie seien zu schwach, es fehlen auch noch überzeugende physiologische oder molekulare Daten, um weitergehende Schlussfolgerungen zu ziehen. Aber der starke zeitliche Zusammenhang zwischen belasteter Atemluft und Covid-19-Sterblichkeit sei deutlich. Deshalb enthielt die Studie abschließend die Aufforderung, dem Phänomen in größeren Studien weiter nachzugehen. Das wird vielleicht auch passieren. In China ist das allerdings nach dem starken Rückgang der Sars-CoV-2-Neuinfektionen erst einmal nicht mehr möglich.

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