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Corona-Krise : Neue Zahlen aus Wuhan

Was lehren uns die Zahlen aus Wuhan? Bild: AFP

Wie gefährlich ist Covid-19 wirklich? Nach wie vor ist die Datenlage dürftig. Chinesische und amerikanische Wissenschaftler haben nun aber Neuigkeiten aus Wuhan veröffentlicht.

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          In einem Punkt sind sich derzeit alle einig, wie auch immer sie ansonsten die aktuelle Lage einschätzen: Was dringend gebraucht wird, sind aktuelle und belastbare Zahlen zum zu erwartenden Schweregrad der Covid-19-Erkrankungen. Vor diesem Hintergrund dürfte eine aktuelle Studie hohe Relevanz besitzen, die heute morgen in „Nature Medicine“ veröffentlicht wurde. Ein Team von chinesischen und amerikanischen Wissenschaftlern, darunter der renommierte Epidemiologe Marc Lipsitch von der Harvard T.H. Chan School of Public Health, wertet darin Daten aus, die im chinesischen Wuhan bis zum 29. Februar dokumentiert wurden. Zu diesem Zeitpunkt gab es dort 48.557 Infizierte und 2169 Todesfälle.

          Sibylle Anderl
          (sian), Feuilleton

          Das zentrale Ergebnis der Arbeit: Im Vergleich zu einer ähnlichen Vorgängerstudie konnten die Wissenschaftler ihre Schätzung des Anteils der Todesfälle unter den symptomatischen Patienten deutlich auf nun 1,4 Prozent senken. Dabei bestätigten sie, dass die Sterbewahrscheinlichkeit nach dem Auftreten von Symptomen eine deutliche Altersabhängigkeit aufweist: Im Vergleich zur Gruppe der 30 bis 59-Jährigen waren Jüngere nur 0,6-mal so häufig betroffen, Ältere waren dagegen 5,1-fach gefährdet. Auch das Risiko, symptomatisch zu erkranken, wuchs deutlich mit dem Alter, in der Gruppe der 30 bis 60-Jährigen um rund vier Prozent pro Jahr.

          Symptomatisch Erkrankte unterschätzt

          Diese Angaben beruhen auf einem dynamischen Übertragungsmodell der Forschergruppe, das mit verschiedenen neuerlich veröffentlichten Daten gefüttert wurde. Für eine zuverlässige Abschätzung des Anteils Verstorbener unter den symptomatisch Erkrankten war es dabei insbesondere notwendig, jenseits der gemeldeten Fallzahlen eine belastbare Abschätzung der tatsächlichen Zahlen Erkrankter und Verstorbener zu erhalten. Da davon auszugehen ist, dass innerhalb des überlasteten Gesundheitssystems in Wuhan Fälle mit milderem Verlauf unerkannt geblieben sind, nutzten die Wissenschaftler Daten, die bei der Testung von Flugreisenden erhoben wurden, die aus Wuhan ausgeflogen wurden. Diese vollständig getestete Gruppe wurde – vereinfacht gesagt – als repräsentative Untergruppe der Gesamtbevölkerung angenommen. Zudem wurde die Fall-Wachstumsrate in Wuhan anhand der ersten 425 gemeldeten Fälle abgeschätzt.

          Zur Beschreibung der klinischen Schwere der Krankheitsverläufe unterschieden die Forscher drei Gruppen: Infizierte, dann diejenigen Infizierten mit symptomatischem Verlauf und schließlich die Patienten, die mit Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Die Anzahl von Todesfällen setzten sie in Bezug zu derjenigen Gruppe symptomatischer Patienten, da deren Größe zuverlässiger abzuschätzen ist als die aller Infizierten. Interessant ist, wie stark die Gruppe der symptomatisch Erkrankten in Wuhan selbst am Anfang der Epidemie offenbar unterschätzt wurde. Der Vergleich der Zahlen in der Gruppe der Reisenden mit denen, die in Wuhan selbst veröffentlicht wurden, legt nahe, dass dort nur 1,8 Prozent der symptomatisch Erkrankten zwischen dem 10. Dezember 2019 und dem 3. Januar 2020 bekannt waren.

          Um von der Gruppe der symptomatisch Kranken auf diejenige der Infizierten zu schließen, nehmen die Wissenschaftler an, dass die Hälfte der Infizierten auch Symptome entwickelt — eine Annahme, die allerdings so unsicher ist, dass sie nur als Basis-Referenzwert genutzt wird. Unter dieser Annahme folgt aus den Daten, dass jeder Infizierte im Schnitt 1,94 Neuinfektionen auslöste, beschrieben in der sogenannten Basis-Reproduktionszahl — auch diese Zahl ist etwas niedriger als bisherige Schätzungen. Das mittlere serielle Intervall, die durchschnittliche Dauer vom Beginn der Erkrankung eines ansteckenden Falles bis zum Erkrankungsbeginn eines von diesem angesteckten Falles, betrug sieben Tage, im Schnitt vergingen 20 Tage zwischen Erkrankungsbeginn und Tod. Bevor Wuhan unter Quarantäne gestellt wurde, habe sich die Zahl Infizierter alle 5,2 Tage verdoppelt, nach Beginn der staatlichen Maßnahmen sie die Übertragung dann um 48 Prozent zurückgegangen.

          Historischer Vergleich

          Die Forscher schreiben, dass ihre Zahlen insbesondere deshalb große Relevanz besitzen, da sie fundamental für die Wahl geeigneter Gegenmaßnahmen sind, die ihrerseits das Risiko mit sich bringen, die soziale und ökonomische Stabilität zu gefährden. Gleichwohl betonen sie, dass ohne den Einsatz drastischer Kontrollmaßnahmen und ohne die Existenz einer Impfung damit zu rechnen sei, dass mindestens ein Viertel bis die Hälfte der Bevölkerung infiziert werde. Zur Einordnung ihrer Ergebnisse vergleichen sie schließlich ihre Zahlen mit den Risiken historischer Epidemien: den Influenzawellen 1918 und 2009, Sars und Mers. Im Vergleich zu Sars und Mers weise Covid-19 zwar einen deutlich geringeren Fall-Verstorbenen-Anteil auf, gleichzeitig seien aber angesichts sich verdichtender Hinweise auf eine präsymptomatischen Übertragung und der umfangreichen Ausbreitung in vielen Ländern bei Covid-19 substantiell höhere Infektionszahlen zu erwarten, so dass die absolute Zahl von Todesfällen die bei Sars und Mers deutlich übersteigen werde. Im Vergleich zu den beiden großen Grippe-Epidemien sei Covid-19 in der Mitte zwischen denen von 1918 und 2009 anzusiedeln, wobei aber die besondere Gefährdung älterer Altersgruppen ungewöhnlich und hervorzuheben sei.

          Schließlich — wie bei jeder seriösen Forschungsstudie — thematisieren die Wissenschaftler noch mögliche Schwächen ihrer Berechnungen: Nach wie vor sei die Datenlage eher dürftig, insbesondere die Abschätzung der jeweiligen Fallzahlen sei nach wie vor schwierig. So sei nicht unwahrscheinlich, dass bei der Gruppe der Reisenden bestimmte Auswahleffekte zum Tragen kämen: Beispielsweise würden nur diejenigen eine Reise antreten, die sich genügend wohl fühlen. Um derartige Effekte einschätzen zu können, prüften die Forscher ihre Zahlen auf Konsistenz mit anderen verfügbaren Datensätzen.

          Auch wenn dieses Update wichtige neue Informationen über Covid-19 liefert, bleibt zu prüfen, wie universell diese Ergebnisse sind. „Da Wuhan mittlerweile nicht mehr der einzige Ort (wenngleich der erste) mit anhaltender lokaler Ausbreitung ist, wäre es wichtig, Erfahrungen von anderen Orten zu bewerten und zu berücksichtigen”, schließen die Wissenschaftler. Diese sekundären Epizentren, die bereits von Wuhan lernen konnten, könnten nach Ansicht der Forscher eine systematisch andere Epidemiologie und Reaktion aufweisen, wodurch die charakteristischen Parameter von Covid-19 wieder in neuem Licht erschienen. In jedem Fall: dass die Zahlen aus Wuhan nun eine positive Korrektur erfahren haben, ist zumindest eine gute Nachricht.

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