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Corona-Pandemie in Italien : Si vis pacem para bellum!

In Brescia liegen die Patienten mit Mundschutzmasken in einer Bettenreihe und halten über Smartphones Kontakt mit ihren Familien. Bild: dpa

Wenn Mediziner plötzlich alte Römer zitieren, ist die Lage ernst. In Italien sind sie in einem Krieg, den ein Teil der deutschen Bevölkerung mit seinem uneinsichtigen Verhalten vielleicht auch provoziert hat.

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          Ob es ein Akt der Verzweiflung ist, Ausdruck unerschütterlicher Naivität oder schier Hilflosigkeit, will man lieber gar nicht so genau wissen. Seit Samstag lässt die Südtiroler Landesregierung kostenlos Halstücher verteilen, die man sich über Mund und Nase ziehen soll. Überall dort, wo es Zeitungen gibt, sind sie in drei Größen zu haben, für Männer, Frauen, Kinder; und das beiliegende Informationsblatt erklärt hoffentlich nicht nur, wie sie zu gebrauchen sind, sondern auch, dass diese Textilien eher als Schmuck zu betrachten sind.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Solche Stoffutensilien können höchstens helfen, die Infektionsgefahr zu reduzieren, wenn alle die übrigen Vorschriften einhalten – und daran erinnern sie durch albernes Aussehen. Also am besten zu Hause bleiben. Auf Distanz gehen. Die Party ist vorbei, was in Deutschland noch immer nicht alle begreifen, während sich Italien in eines der größten Schlachtfelder dieser aktuellen Pandemie verwandelt.  Fast 60.000 Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus wurden dort bisher registriert, mindestens 5400 Menschen starben.

          Betrachtet man die offiziellen Fotos aus Bozen, die sogar einen Gesundheitslandrat vorbildhaft mit weißem Tuch vorm Gesicht zeigen, kommen einem die Tränen. Es ist furchtbar und zugleich bitterkomisch, den Frühling geradezu keusch begrüßen zu wollen. Küssen scheint verboten, dafür sorgt jetzt ein Halstuch als Barriere, die womöglich nicht nur Romantiker zum Widerstand provoziert. Es lockt die Menschen vielleicht wieder aus ihren Wohnungen nach draußen, weil sie sich fälschlicherweise geschützt fühlen. Außerdem müssen sich die Verantwortlichen jetzt gegen Vorwürfe verteidigen, mit diesen Schlauchtüchern wortwörtlich Vetternwirtschaft zu betreiben und Gelder für eine dubiose Aktion zu verschwenden.

          Mit 650 bestätigten Infektionen zum Saisonstart, 1850 Menschen in Quarantäne, den über 200 Covid-19-Patienten, die medizinisch betreut werden müssen, und 23 Toten ist die Provinz im Norden Italiens zumindest noch nicht so schwer betroffen wie andere Regionen eines Landes, das allein in der Lombardei 3400 Opfer beklagen muss.

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          Ausgerechnet in Rom, der Hauptstadt, waren die beiden ersten Fälle aufgefallen: zwei chinesische Touristen, die am 23. Januar eingereist waren, sich vermutlich zu Hause kurz vor dem Abflug infiziert hatten und somit einen Erregerstamm nach Europa exportierten, der sich an aussagekräftiger Position in den stetig wachsenden Stammbaum fügt. Nahe zum allerersten deutschen Fall etwa, der Ende Januar noch eine Rarität in Bayern war. Dort sind es mittlerweile mehr als  4400 Infizierte mehr in der Summe, darunter 22 Tote (Stand 23.März).

          Wie das Virus übersprang

          Die genetischen Analysen sämtlicher Proben sind bei weitem noch nicht abgeschlossen, irgendwann wird man jedoch die frühen Reisebewegungen und -routen der Viren nachvollziehen können. Alle Anfänge sind in mehrfacher Hinsicht für Virologen interessant, ebenso die weiteren Entwicklungen, und dann lässt sich vielleicht der Verdacht bestätigen – oder eben entkräften –, dass infizierte Europäer ebenfalls für Virenimporte verantwortlich waren und Sars-CoV-2 nach Italien trugen, wie es eine aktuelle Studie zur multiplen Einschleppung im Journal of Medical Virology andeutet. Untersuchungen des viralen Genoms, eines einzelnen RNA-Strangs, verrieten gleich zu Anfang, dass zu 79 Prozent eine Ähnlichkeit mit dem Sars-Erreger besteht.

          Sie zeigten außerdem, dass aus Fledermäusen andere Coronaviren bekannt sind, die viel näher mit den neuen Erregern verwandt sein müssen. Trotzdem hielt sich lange das Gerücht, diese seien einem Labor entsprungen. Damit räumen ein paar Mikrobiologen nun in „Nature Medicine“ auf, denn ihre detaillierten Vergleiche verschiedener Coronaviren lassen keinen Zweifel daran, dass Sars-CoV-2 natürlichen Ursprungs ist und nicht als Erreger künstlich herangezüchtet wurde.

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