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Impfstoffverteilung : Lebensrettende Logistik

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Gefährliche Kälte: Aus gutem Grund hat ein Profi so viel Platz um sich herum, während er vorführt, wie Impfstoffe für den Transport mit Trockeneis gekühlt werden. Bild: Foto AP

Die Corona-Impfstoffe kommen. Um sie überall zu verteilen, beginnt gerade ein globales Ballett aus Tausenden von Flügen, Millionen spezieller Kühlboxen und tonnenweise Trockeneis. Dabei kann einiges schiefgehen.

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          Auf den ersten Blick erscheinen die Pläne zur Verteilung des Corona-Impfstoffs simpel: Die westlichen Hersteller produzieren ihre ersten Chargen in Europa und den Vereinigten Staaten. Flugzeuge oder Lastwagen befördern sie in die Zielländer, wo sie dann verteilt werden. In Nordamerika und im Vereinigten Königreich ist das bereits der Fall. Dort hat der Impfstoff von Biontech und Pfizer eine Zulassung. In Europa soll der Startschuss morgen fallen. Die Bundesregierung ist dann dafür verantwortlich, den Impfstoff zu 27 Sammelpunkten zu transportieren, von wo aus die Länder ihn auf etwa 440 Impfzentren verteilen. Dort soll er in genau einer Woche in den Oberarmen der ersten Patienten landen. Pfizer selbst gibt sich, auch was die internationale Verteilung angeht, gelassen. Der Konzern könne die gefrorenen Impfstoff-Fläschchen innerhalb von drei Tagen an den Ort des Impfens bringen.

          In Wirklichkeit ist die Sache weitaus komplizierter. Das zeigt eine Schätzung der Internationalen Luftverkehrsvereinigung Iata aus dem Jahr 2019, demnach kommt jede vierte Impfdosis unbrauchbar an, weil sie falsch gehandhabt wurde. Jetzt, wo die Welt hoffnungsvoll auf die ersten Einheiten wartet, dürfen solche Fehler nicht passieren. Logistiker tüfteln daher gerade ein weltweites Geflecht aus Tausenden Flugbewegungen für Millionen Kühlboxen aus. Ihnen fehlen allerdings wichtige Informationen.

          Geheimniskrämerei der Pharmafirmen

          Für Joachim von Winning, den Geschäftsführer des Industrieverbands der Luftfrachtunternehmen „Air Cargo Community“ in Frankfurt, ging das Rätselraten im März los. Damals kamen Gerüchte auf, die amerikanische Regierung greife nach dem Tübinger Start-up-Unternehmen Curevac. Kurz darauf kündigten die Mainzer Firma Biontech und der Konzern Pfizer ihr Jointventure an. Ab da sei klar gewesen: „Da wird etwas auf uns zukommen, und da wird die Luftfracht beteiligt sein.“

          Doch weder Produktionsstätten noch Zielländer noch Transporttemperaturen hätten die Pharmafirmen preisgegeben. „Die wollten ihre Konkurrenz nicht schlau machen“, vermutet von Winning. So habe man nicht gewusst, ob man zusätzliche Kühlflächen bauen müsse oder speziell gekühlte Vorfeldtransporter brauche, um die Impfstoffe von den Lagern zu den Flugzeugen fahren. Erst im Sommer sickerte durch, dass zumindest der von Biontech entwickelte Impfstoff bei minus 70 Grad transportiert werden müsse. „Und dann dachten wir: Ui, wie gehen wir damit um?“

          Die niedrigen Temperaturen sind nötig, da es sich um neuartige Impfstoffe handelt, die unter Hochdruck entwickelt wurden, deshalb gibt es kaum Daten zur Stabilität. Pfizer und Biontech arbeiten derzeit an einer Formulierung, die nicht mehr bei minus 70 Grad gelagert werden muss. Aktuell hält der Impfstoff aber zumindest fünf Tage im Kühlschrank. Das Mittel von Moderna, über dessen Zulassung in Europa im Januar beraten wird, ist bei minus 20 Grad zu lagern und übersteht einen Monat bei zwei bis acht Grad.

          Transportables Polargebiet: Hochleistung-Kühlboxen der Würzburger Firma va-Q-tech
          Transportables Polargebiet: Hochleistung-Kühlboxen der Würzburger Firma va-Q-tech : Bild: Lucas Bäuml

          Um die Impfstoffe während des Transports zu kühlen, kommen zum Beispiel spezielle Boxen und Container des Würzburger Unternehmens Va-Q-Tec zum Einsatz. „Wir reden mit praktisch allen Impfstofffirmen, die Sie so kennen“, sagt Firmengründer Joachim Kuhn. In den 30 Millimeter dicken Wänden der Behälter steckt ein poröses Material, das luftleer in einer Folie eingeschweißt ist. Dieses Vakuum isoliert den Inhalt nach dem Prinzip der Thermoskanne. „Um mit einer Styropor-Box die gleiche Dämmung zu erreichen“, erklärt Kuhn, „brauchte man eine Wandstärke von etwa 30 Zentimetern.“

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