https://www.faz.net/-gwz-9xyhs

Passive Impfung gegen Covid-19 : Die Corona-Feuerwehr winkt mit der Antikörperspende

Für die fünf Blutspender, drei Männer und zwei Frauen, wurden fünf passende Blutspender gefunden. Die Spender waren zwischen 18 und 60 Jahren. Je zweimal am selben Tagen wurden etwa ein Viertel Liter gereinigtes und getestetes Blutplasma auf die Intensivpatienten übertragen. Die Werte der Patienten wurden sehr genau überwacht - ein Grund, weshalb es diese kleine unkontrollierte Studie bis in eines der angesehendsten Medizinjournale schaffte. Bei fast allen Patienten senkte sich das Fieber rasch, innerhalb von ein, zwei Tagen. Von Tag sieben nach der Behandlung bis zum zwölften Tag verbesserte sich der Zustand ganz erheblich, so dass bald alle fünf Patienten gesund entlassen wurden. Einen entscheidenden Hinweis für die Wirksamkeit der Immunisierung liefern auch die Sars-CoV-2-Tests: Während sich die Viruslast unter der Medikamententherapie nicht spürbar verbesserte, waren zwölf Tage nach der Passiv-Impfung offenbar auch in sehr empfindlichen Labortests keine Viren mehr nachweisbar.

Und noch etwas macht den Medizinern Mut: Unter der Gabe der Antikörper ist das Immunsystem der Patienten möglicherweise zur Produktion eigener, wirksamer Antikörper angeregt worden. Ganz ähnlich war das Ergebnis einer ähnlichen Blut-Transfusionsstudie chinesischer Mediziner vom National Research Center for Translational Medicine des Ruijin Hospitals in Shanghai. Zehn schwerkranke Covid-19-Patienten zwischen 45 und 60 Jahren waren im Februar behandelt worden. Die im Preprint-Server MedRxiv veröffentlichte Untersuchung ist zwar noch nicht begutachtet und in einem wissenschaftlichen Fachmagazin publiziert worden, doch die Beschreibung der Ärzte ist ähnlich wie jene aus Shenzhen: Kaum Nebenwirkungen und deutliche immunologische Effekte. Der Behandlungsverlauf wurde in dem Fall zwar nachträglich mit den Verläufen von Patienten verglichen, die ohne Passiv-Immunisierung therapiert wurden. Trotzdem: Auch hier handelt es sich um keine kontrollierte Studie, die Mindeststandards für eine Zulassung erfüllt und deshalb auch keine kausalen, gültigen Aussagen zur Wirksamkeit der Therapie zulässt.

Gespendetes Plasma eines geheilten Coronavirus-Patienten in Wuhan wird in einem Plasmabeutel aufgefangen.
Gespendetes Plasma eines geheilten Coronavirus-Patienten in Wuhan wird in einem Plasmabeutel aufgefangen. : Bild: dpa

Vorsicht ist vor allem auch deshalb geboten, weil allein aus der geringen Zahl der in China behandelten Covid-19-Patienten keine Rückschlüsse auf mögliche Komplikationen möglich sind. Allergische Reaktionen insbesondere in den Lungen nach der Bluttransfusion sind, je nach Behandlung und Prüfung des Spenderblutes, durchaus möglich. Davor warnen die Transfusionsmediziner im „Jama“. Im „Journal of Clinical Investigation“ wird darauf hingewiesen, dass die gespendeten Immunzellen auch das Immunsystem von Covid-19-Patienten  selbst zu Überreaktionen führen - ein Phänomen, das man als „Antibody dependent enhancement of infection - ADE-Effekt - kennt. Zudem bleibt unklar, wie viel Spenderblut nötig ist für therapeutische Erfolge. Mit dem neuen Coronavirus infizierte Menschen bilden zwar Hunderte unterschiedlicher Antikörper, darunter eindeutig „neutralisierende“ Antikörper, die den Erreger attackieren. Doch nicht alle sind gleich aktiv und die Passiv-Impfung könnte auch Immunzellen aktivieren, die theoretisch sogar Komplikationen provoziert. 

Unter den Experten wächst jedoch erkennbar die Bereitschaft, solche Unsicherheiten schnell zu beseitigen. Zwar plädiert bisher noch keiner aktiv dafür, die Passiv-Impfung prophylaktisch oder in den Anfangsstadien der Covid-19-Krankheit einzusetzen (wo sie aus den historischen Erfahrungen ableitend am besten funktioniert), aber die Hoffnung, zumindest schwerkranken Patienten zu helfen, wächst eindeutig. Jetzt kommt es darauf an, wie Blutbanken, Transfusionsmediziner und Infektiologen in den Kliniken die nötige Infrastruktur aufbauen und wie genesene Patienten für die Blutspenden motiviert werden können.   

Weitere Themen

„Dem Krebs die Stirn bieten“

Zukunft der Medizin : „Dem Krebs die Stirn bieten“

Ihr mRNA-Impfstoff hat Özlem Türeci und Uğur Şahin in der Pandemie berühmt gemacht. Die Biontech-Gründer haben allerdings noch viel größere Ziele. Im Interview sprechen sie über einem Krebsimpfstoff, weitere Projekte – und die Vorstellung einer postpandemischen Welt.

Topmeldungen

Viele Menschen fühlen sich isoliert und einsam. Die Pandemie schränkt das Leben zu stark ein.

Allensbach-Umfrage zu Corona : In Deutschland wächst die Gereiztheit

Eine Mehrheit in Deutschland meint, Corona habe die Gesellschaft zum Schlechteren verändert. Lediglich jeder Vierte geht davon aus, dass sich 2022 das Leben wieder normalisiert. Der Anteil derjenigen, die bereit wären, gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren, wächst.
Der amerikanische Präsident Joe Biden am 24. Januar im Weißen Haus

Ukraine-Konflikt : Biden droht Putin mit direkten Sanktionen

Die Liste der Maßnahmen, die Washington im Falle einer russischen Invasion der Ukraine verhängen will, wird länger. Der US-Präsident hält nun auch direkt gegen Russlands Präsidenten Putin gerichtete Sanktionen für möglich.