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Chronomedizin : Das Herz zerriss im Morgengrauen

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Es gab kein Tageslicht, keine Uhren, keine Zeitungen, kein Radio und keinen Fernseher. Die Probanden mussten ihren Schlaf-Wach-Zyklus, ihre Mahlzeiten und alle Tätigkeiten alleine aufgrund ihrer eigenen inneren Signale bestimmen. Mittels Fragebögen und Biosignalmessungen wie Körpertemperatur oder Blutdruck konnten dezidierte Erkenntnisse über die innere Uhr des Menschen gewonnen werden. Als Quintessenz ergab sich ein 25-Stunden-Rhythmus mit einem Verhältnis von einem Drittel Schlafen zu zwei Dritteln wachen. Die Wissenschaftler wiesen so nach, dass es im Organismus eigene innere Uhren gibt, die uns auch unter völligem Fehlen äußerer Einflüsse takten.

Heute erforscht man den „Chronotyp“

Ein weiterer Vorreiter chronomedizinischer Forschung war der vornehmlich an der Universitätsklinik Marburg forschende Gunter Hildebrandt (1924 bis 1999). Von ihm stammen wegweisende Arbeiten zur Organrhythmik. So pendeln sich beispielsweise im Schlaf Puls und Atmung fast immer auf ein Verhältnis von 4:1 ein (Puls-Atem-Quotient). An der Universitätsklinik Frankfurt am Main wurde im Februar 2010 das erste chronomedizinische Institut Deutschlands gegründet, finanziert von der Dr. Senckenbergischen Stiftung. Unter Leitung des Mediziners Horst-Werner Korf geht man dort nun weiteren spannenden Fragen nach, ein Schwerpunkt betrifft die Erforschung des sogenannten "Chronotypus".

Denn alle Menschen reagieren zwar ähnlich auf die großen Zeitgeber Licht, Dunkelheit, Nahrungsaufnahme, Jahreszeiten, auf Lebensphasen wie Pubertät, Wechseljahre, Senium. Jeder Mensch hat aber auch einen eigenen Chronotyp. Die bekannteste Unterscheidung betrifft die "Lerchen und Eulen". Die meisten Menschen sind Lerchen, sind also morgens fit und abends müde. Bei Eulen ist die ganze Rhythmik nach hinten verschoben, sie wollen morgens länger schlafen, werden erst später am Tag fit, können dafür aber auch spät abends bis nachts noch sehr aktiv sein.

Für Eulen ist die erste Stunde nichts

Der Chronotypus hat schon in der Schulzeit für manche Kinder nicht zu unterschätzende Auswirkungen. Ein Eulenkind zum Beispiel ist morgens um neun noch kaum in der Lage, Rechenaufgaben zu lösen, während ein Lerchenkind dies um diese Zeit deutlich besser kann. Die Eule könnte dafür gegen zwölf Uhr prima rechnen, wenn die Lerche schon wieder auf Mittagsruhe umgeschaltet hat.

Ein weiteres wichtiges Forschungsfeld der Chronomediziner betrifft die Krebsmedizin. Krebszellen teilen sich nicht immer gleich, es gibt je nach Tumorart und nach Chronotypus des Patienten unterschiedlich intensive Wachstumsphasen. Chemotherapeutika wirken nur auf sich teilende Zellen, weshalb es von großer Bedeutung ist, herauszufinden, wann sich die Krebszellen in einem Körper gerade teilen. Verabreicht man die Chemotherapie genau zum richtigen Zeitpunkt, ist die Wirkung sehr viel präziser und es kann unter Umständen einiges an Medikament eingespart werden - inklusive der Nebenwirkungen.

Siesta kann sinnvoll sein

Aber nicht nur im Fall schwerer Leiden, auch im Alltag beeinflusst die Chronobiologie das Leben. Abgeschlagenheit und depressive Zustände sind in den dunklen Jahreszeiten sehr viel häufiger als im Frühjahr oder Sommer. Grund hierfür ist das Licht. Nicole Praschak-Rieder und Kollegen aus Toronto konnten im Jahr 2008 eindeutig zeigen, dass die freie Verfügbarkeit des stimmungsaufhellenden Hirnbotenstoffes Serotonin mit zunehmendem Lichtmangel abnimmt, weil je nach Lichteinfall mehr oder weniger Serotoninrezeptoren auf der Hirnnerven-Zelloberfläche erscheinen. Je mehr Rezeptoren es gibt, desto weniger Stoff steht frei zur Verfügung. Mit einer Lichttherapie kann hier oft erfolgreich gegengesteuert werden.

Zwischen 14 Uhr und 16 Uhr haben die meisten Menschen ein physiologisches Tief, um diese Zeit sinkt - genau wie 12 Stunden früher und später in der Nachtmitte - die Körperkerntemperatur um bis zu 1,5 Grad ab, wir werden müde, empfindlich, und sollten uns dann tatsächlich für zwanzig bis dreißig Minuten hinlegen und ein Nickerchen machen. Die Zeit nach dem Mittagessen ("Suppenkoma") ist nämlich für die Regeneration gedacht, wie eine große Studie aus Griechenland an über 23 000 Probanden zeigen konnte. Menschen, die mittags zwanzig Minuten nickerten, hatten nach fünf Jahren im Schnitt 37 Prozent weniger Herzinfarkte, als diejenigen, die das Mittagstief ignorierten und weiterarbeiteten.

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