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Chirurgie : Anästhesie ohne Narkosegas

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An der Abteilung für Anästhesie der Universitätsklinik in Mainz werden solche Konstellationen inzwischen auch für die intravenöse Anästhesie trainiert. Dort hat das Üben auf dem Gebiet der Narkose bereits Tradition. Ärzte können an Patientensimulatoren zeigen, ob sie Standardsituationen im Griff haben und schwierige Notfälle bewältigen. Wolfgang Heinrichs hat in Mainz mit einer interdisziplinären Gruppe die Möglichkeit geschaffen, dass man auch die automatischen Infusionspumpen für das TCI-Verfahren am Simulator trainieren kann. Der simulierte Organismus stellt die denkbaren Unterschiede der Patienten möglichst wirklichkeitsnah dar, und die Teilnehmer lernen, das jeweils richtige pharmakologische Modell auszuwählen und anzuwenden.

Weniger Nachwirkungen durch intravenöse Narkose

Die intravenöse Narkose bietet gegenüber der Inhalationsnarkose viele Vorteile. Beim Aufwachen leiden die Patienten deutlich seltener unter Übelkeit und Erbrechen. Sie sind rascher wach und können sich besser orientieren, was man vor allem bei der Anästhesie von Kindern schätzt. Zwar müssen die Patienten nach wie vor im Aufwachraum unter Beobachtung sein, wenn sie das Bewusstsein wiedererlangen.

Das geht aber inzwischen so schnell, dass dort, wo hauptsächlich die neuen Verfahren zur Anwendung kommen, die Aufwachräume während der Hauptoperationszeit kaum noch voll belegt sind. Zudem treten offenbar keine Halluzinationen oder andere Sinnestäuschungen nach Propofol-Anästhesie auf. Allerdings muss auf eine ausreichende Schmerztherapie nach dem Eingriff geachtet werden, da bei den herkömmlichen Narkosen der Patient durch das Nachwirken der Opiate noch längere Zeit nach der Operation vor Schmerzen geschützt ist.

Operationen an den Augen und im Gehirn werden erleichtert, weil der Augeninnendruck gesenkt wird und eine Hirndrucksteigerung unterbleibt. In zunehmend mehr chirurgischen Disziplinen löst die Tiva die traditionelle Narkose als Standardverfahren ab. Für Patienten, die zu Temperaturanstiegen (Maligne Hyperthermie) während einer Narkose neigen, ist es die Behandlung der Wahl. Im Operationssaal entfällt die Belastung des Personals mit den in Spuren entweichenden Narkosegasen. Auch das Militär und Ärzte in Katastrophengebieten interessieren sich zunehmend für eine Form der Anästhesie, bei der man auf das Mitführen schwergewichtiger Geräte verzichten kann.

Das EEG läuft mit

Besonders hilfreich ist die Möglichkeit, die Beatmung des Patienten - denn auch bei intravenösen Narkosen sind die Atemmuskeln gelähmt - mit einer Rachenmaske vornehmen zu können und auf einen Tubus in der Luftröhre zu verzichten. Vor allem dann, wenn die Halswirbelsäule des Patienten die Intubation, das Einführen des Luftröhrentubus, erschwert, erweist sich eine solche Maske als äußerst hilfreich. Die Maske erlaubt aber auch eine bequeme Lagerung des Patienten. Sie wurde zunächst für kurze Eingriffe, etwa Gelenkspiegelungen, begrüßt. Inzwischen hat sich die Kombination Maske und Tiva so bewährt, dass sie wegen der Lagerungsvorteile auch bei Operationen, die länger als eine Stunde dauern, von manchen Kliniken bevorzugt wird.

In seltenen Fällen erleben die Patienten Phasen der Operation offenbar mit, weil sie nicht tief genug schlafen. Solche Ereignisse sollten bei Verwendung von Narkosegasen seltener vorkommen. Ob dies eine Folge der noch nicht genügend sicher berechenbaren Konzentrationen der verwendeten Pharmaka ist, lässt sich derzeit nicht mit Sicherheit sagen. Bei den Simulationsversuchen in Mainz wird auch das trainiert, so dass für mehr Sicherheit während der Narkose gesorgt wird. Das Modell des künstlichen Organismus erlaubt es nämlich auch, die Hirnströme im EEG zu überwachen, die dem Arzt Auskunft über die Narkosetiefe geben.

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