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Chirurgen unter Druck : In die Pause gezwungen

  • -Aktualisiert am

In einer deutschen Klinik wird einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist Bild: dpa

Strenge Arbeitszeitgesetze verschlechtern den OP-Erfolg. Und gerade in Deutschland leidet die Weiterbildung für junge Chirurgen. Jetzt wird eine Reform gefordert.

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          Sie greifen am liebsten zu Messer, Nadel und Faden, aber man lässt sie nicht. Die Rede ist von Chirurgen – und das, was ihrer bevorzugten Tätigkeit, dem Operieren, einen Riegel vorschiebt, sind zum einen die unflexiblen Arbeitszeitgesetze und zum anderen die überbordende Administration. Aus dieser Zwickmühle scheint es kein Entkommen zu geben. Eine Veröffentlichung im amerikanischen Fachjournal „Annals of Surgery“ nimmt die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie deshalb jetzt zum Anlass, um für eine neue Weiterbildungsordnung zu plädieren. Die kanadische Metaanalyse, auf die Bezug genommen wird, umfasst 135 Studien, in denen es um die Auswirkungen des Gesetzes zur Limitierung ärztlicher Dienstzeiten auf junge Chirurgen in der Ausbildungszeit ging. Die Reduzierung der Arbeitszeiten hat demnach nicht dazu geführt, dass der Nachwuchs sich besser fühlte, die Ergebnisse bei den operierten Patienten waren schlechter und die jungen Ärzte schnitten bei der Facharztprüfung umso schlechter ab, je mehr sie sich an rigide Dienstzeiten hielten (Bd. 259 \[6\], S. 1041). Das ist nur eine von vielen wissenschaftlichen Analysen dieser Art, was davon zeugt, dass den Ärzten die Thematik unter den Nägeln brennt – und offensichtlich den Chirurgen besonders.

          Seit August 2010 ist europaweit eine Arbeitszeitregelung für Ärzte in Kraft, die die Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden begrenzt, ein einzelner, ununterbrochener Klinikdienst darf sechzehn Stunden nicht überschreiten. Deutlich länger dürfen die Kollegen in den Vereinigten Staaten arbeiten, hier ist ein durchgehender Dienst von 24 Stunden erlaubt, danach müssen mindestens zehn Stunden Pause folgen, die Wochenarbeitszeit darf 80 Stunden nicht überschreiten. Aber trotz der nationalen Unterschiede laufen seither sowohl europäische Ärzte, hier besonders die britischen Chirurgen, als auch die amerikanischen Kollegen Sturm gegen die Begrenzungen. Die Begründung lautet meist, dass das Training im Operationssaal unzureichend bliebe und dadurch die Qualität des Operierens gefährdet würde. Der Wunsch, die Fehlerquote zu reduzieren, weil die Chirurgen so mehr Freizeit hätten, ausgeruhter und entspannter seien und dann weniger Fehler machten, habe sich nicht erfüllt. Es wird aber absehbar auch kein Zurück zu längeren Arbeitszeiten geben. Wie kann es dann gelingen, dem Nachwuchs in den operativen Fächern mehr zu dem zu verhelfen, was für ihre Arbeit entscheidend ist?

          Größter Zeitfresser

          Nach Ansicht von Michael Höckel, Leiter der Universitätsfrauenklinik Leipzig und der Leipzig School of Radical Pelvic Surgery, ist die Dokumentationspflicht zum größten Zeitfresser geworden. „Die jungen Ärzte müssen heutzutage dreifach dokumentieren“, erläutert er den Aufwand. Schriftlich halten sie in der Krankenakte wichtige Informationen über den Verlauf des stationären Aufenthaltes fest. Da nun inzwischen zwar alles auch, aber eben nicht nur elektronisch dokumentiert wird, verdoppelt die Transkription ins Intranet der Klinik diesen Aufwand. „Damit endet das Dokumentieren aber noch nicht, denn in einer dritten Variante, die mit den beiden ersten nicht deckungsgleich ist, muss das Ganze so verschlüsselt werden, dass es den Abrechnungsmodalitäten der Krankenkassen genügt“, sagt der Gynäkologe, der selbst Operationen zur radikalen Entfernung von fortgeschrittenem Gebärmutterhalskrebs entwickelt hat, die allein schon mitunter sechzehn Stunden oder länger dauern. Solche Beispiele machen deutlich, dass nicht nur übliche Stationsdienste und Standardoperationen, sondern immer wieder auch extrem aufwendige Eingriffe mit dem Spagat zwischen Dienstzeitbegrenzung und Schreibtischtätigkeit in Einklang gebracht werden müssen. „Die Abläufe zur Zufriedenheit aller zu gestalten, ist momentan eine der größten Herausforderungen für den Klinikchef“, sagt Höckel.

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