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Cannabis-Medizin : Schmerz lass nach

Nicht mehr nur Symbol einer illegalen Droge: Blatt der Hanfpflanze. Bild: Getty Images

Cannabis auf Rezept ist eingetütet. Das Gesetz kommt und bekommt Applaus. Aber wie gut und sicher wirkt die Droge eigentlich bei den Kranken? Fazit der Rauschmedizin: Shit hilft und Shit happens.

          Da haben sich einige die Augen gerieben: Null Widerstand im Bundestag, die Freigabe von Cannabis als Arzneimittel ist eingetütet. Nicht einmal Nuancen einer prohibistischen Tradition waren zu erkennen, weg das Drohwort Droge. Statt dessen: Lobeshymnen über eine neue drogenpolitische Kultur im Land und Selbstlob von Vertretern aller Parteien für die empathische Arbeit des Parlaments in einer zu allererst medizinischen Frage, in der es um den Umgang mit Schmerz, Leid und Menschen im Angesicht des Todes geht. Cannabis also wird demnächst auf Rezept verfügbar sein.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Zwar nicht für jeden Patienten, es sind für die Kassenübernahme einige Bedingungen zu erfüllen, so etwa die Teilnahme an einer mehrjährigen Begleitstudie (die Wirkung wird medizinisch überwacht) und die kontrollierte Abgabe durch eine Cannabis-Agentur unter dem Dach des Bundesinstituts für Arzneimittelprodukte und Medizinprodukte. Doch einige sehen die „weiche“ Droge dennoch schon einem vielversprechenden  Weg „aus der Schmuddelecke“. Andere, wie die Grünen, wünschen sich von den Medizinern und den zuständigen Abgabestellen eine möglichst „niedrigschwellige“  Anwendung, sprich: Wer chronisch Schmerzen hat, soll grundsätzlich auf natürliches Medizinalhanf oder Fertigarzneimittel auf Cannabis-Basis statt auf synthetische Schmerzpillen zugreifen dürfen.

          Kontrollierter Anbau soll die Grundlage für die Herstellung und den Import der Cannabisprodukte werden.

          Ein Stoßseufzer der Erleichterung ging also durch das politische Berlin, ganz so, als wäre Cannabis ein Heilmittel mit den allerbesten Referenzen und maximalem Heilvermögen - ein hochpotententes Naturheilmittel mithin, das nichts weniger als den uneingeschränkten Segen des in Sachen Naturmedizin durchweg eher kritisch geprägten Medizinestablishments genießt.

          Ganz so ist es aber offensichtlich nicht. Was sich auch leicht herausfinden lässt, wenn man die therapeutische Wunschliste etwa des Deutschen Hanfverbandes (Einsatz gegen praktisch jedes Leiden, das eine rauschhafte „Betäubung“ verdient:  von der Allerweltsdepression und Zwangsstörung bis zur Schuppenflechte und Kopfschmerz) mit den Vorstellungen der um wissenschaftliche Evidenz bemühten Medizinfachleute vergleicht.

          Cannabis ist kein Wundermittel

          Das Wirkprofil von Tetrahydrocannabinol (THC), dem wichtigsten psychotropen (auf die Psyche wirkendenden) Wirkstoff der Hanfpflanze, hängt grundsätzlich wie bei allen anderen Arzneien von der Konzentration, Dosierung, Dauer, der Darreichungsform sowie der zu behandelnden Krankheit ab - und nicht zuletzt von der ganz individuellen, von Mensch zu Mensch unterschiedlichen Ansprechbarkeit. Ein Wundermittel ist Cannabis jedenfalls kaum. Nicht nach Inhalation im „Joint“ oder mit „Gras“, nicht als „Shit“ oder Haschisch-Öl und erst recht nicht als Medizinalhanf. Das THC wirkt auf das sogenannte Endocannabinoid-System des Nervensystems, es verändert die Wahrnehmung, Schmerzempfindlichkeit und die Ausschüttung von Botenstoffen („Glückshormonen“). Das ist zwar keine exklusive Eigenschaft des THC, aber bei entsprechend schneller Freisetzung im Körper (etwa nach dem „Kiffen“, nicht aber nach dem Kauen von Cannabis-Keksen), scheint es bei vielen, von Schmerzen schwer geplagten und  für die THC-Wirkung empfänglichen Menschen effektiv zu wirken. 

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