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Medizinalhanf : Schlechtes Zeugnis für Cannabis

Anders als oftmals angenommen, ist der medizinische Nutzen von Cannabinoiden in nur wenigen Fällen erwiesen. Bild: dpa

Im Frühjahr gab die Regierung grünes Licht für die Cannabis-Medizin. Dabei ist der therapeutische Nutzen von Cannabinoiden nur in wenigen Fällen erwiesen, wie eine aktuelle Studie zeigt.

          Während die Cannabis-Lobby und Patienten auf der einen Seite immer lauter darüber klagen, dass der Nachschub an Medizinalhanf und die vorsichtige Verschreibungspraxis zu einem Engpass an schmerzlindernden Cannabinoiden führen, wird die Medizin in ihrer Kritik an der jüngsten Änderung des Betäubungsmittelgesetzes immer lauter. Seit März sind Cannabis-Produkte für bestimmte medizinische Behandlungen – staatlich kontrolliert – zugelassen. Der wissenschaftliche Nachweis des Nutzens von Cannabis sei bisher nur für wenige Indikationen und schwere Fälle erbracht, so lautet das Fazit einer neuen Metaanalyse von klinischen Studien, die den höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Das allerdings gilt bisher ohnehin nur für wenige Cannabis-Studien. Vier Schmerz- und Palliativmediziner um Winfried Häuser vom Universitätsklinikum in Saarbrücken haben die internationale Literatur durchforstet und die Ergebnisse im aktuellen „Deutschen Ärzteblatt“ (doi:10.3238/arztebl.2017) veröffentlicht. Ihr Fazit: Abgesehen von der Anwendung bei bestimmten neuropathischen Schmerzen, gebe es nur wenig Argumente für die Substanzen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Politik (nicht nur in Deutschland) habe gegen die Warnungen etwa der Bundesärztekammer den Zugang zu Medizinalhanf erleichtert und die drohende Häufung von Nebenwirkungen – Psychosen, Verwirrtheit oder Benommenheit – ignoriert. „Die Missachtung der von Arzneimittelbehörden geforderten Standards für die Zulassung eines Medikaments“ sei ein einmaliger Vorgang. Das hatte bereits die amerikanischen Medizinergesellschaft kritisiert. Bei Spastik infolge von multipler Sklerose sei die Wirkung klinisch nachweisbar. Doch anders, als die Öffentlichkeit annehme, sei der Nutzen etwa bei Tumorschmerzen, Arthritis, Fybromyalgie, Morbus Crohn, chronischer Pankreatitis, therapiebedingtem Appetitverlust oder Muskel- und Skelettschmerzen mitnichten vorhanden. „Der Einsatz von Cannabinoiden in der Schmerz- und Palliativmedizin ist mit Ausnahme der neuropathischen Schmerzen als individueller Heilversuch anzusehen“ – sprich: als Experiment. Die Produkte sollten nicht als einziges Mittel, sondern in Kombination mit anderen Schmerzlinderungstherapien angewendet werden.

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