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Brustkrebs : Streit um die Mammographie

Je früher ein Brustkrebs erkannt wird, desto größer ist die Chance auf eine schonende Behandlung. Bild: Bridgeman

Alle zwei Jahre werden Frauen im Alter zwischen 50 und 69 zur Brustuntersuchung geladen. Doch mit der Aufklärung über das individuelle Risiko hapert es. Würde man die verbessern, wäre auch das Programm wirkungsvoller.

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          Essen ist nicht überall. Doch der Fall des Essener Diavero Diagnosezentrums sorgt bundesweit für Diskussionen über das Mammographie-Programm. Die Radiologiepraxis war im Frühjahr 2013 bei einem Rezertifizierungsverfahren, das alle dreißig Monate erfolgen muss, durch „gravierende Mängel“ aufgefallen. Medien berichten jetzt über mögliche Fehldiagnosen, die Staatsanwaltschaft soll ermittelt haben.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bereits 2010 hatte die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein den Versorgungsauftrag entzogen. Der verantwortliche Radiologe legte Rechtsmittel ein, erhielt Aufschub, aber 2013 kein erneutes Zertifikat. Die erforderlichen Standards wurden nicht erreicht.

          Was genau in Essen vorgefallen ist, beschäftigt jetzt verschiedene Institutionen, Behörden und nicht zuletzt die „Kooperationsgemeinschaft Mammographie“, zuständig für das seit 2008 flächendeckende Früherkennungsprogramm für Brustkrebs in Deutschland. Diese spricht von einem Einzelfall und davon, dass die vorgesehene Qualitätssicherung ihren Zweck erfülle.

          Man bedauert die entstandene Unsicherheit. Frauen, denen dort eine Gewebeprobe entnommen wurde, könnten eine Diagnose erhalten haben, die nicht stimmt. Auch Frauen in anderen Regionen könnten nun vielleicht auf den Gedanken kommen, dass ihre Screening-Einheit nicht sorgfältig arbeitet. Insgesamt 96 solcher Einheiten gibt es, kontrolliert von fünf Referenzzentren. Müssen die jetzt alles überprüfen?

          Entscheidend ist, in welchem Stadium der Krebs erkannt wird

          Wohl nicht. Fragt man beispielsweise Karin Bock, die das für den Südwesten zuständige Referenzzentrum in Marburg leitet, erklärt die Gynäkologin, die Daten der Einheiten würden quartalsweise übermittelt und ausgewertet. Bock verschickt „strukturierte Berichte“, in denen sie eine Rückmeldung gibt, auch seien „kollegiale Fachgespräche“ vorgesehen. Unter anderem geht es dabei um die Entdeckungsrate von Tumoren.

          Dabei sei nicht die reine Zahl entscheidend, sondern die Frage, in welchem Stadium eine Krebserkrankung erkannt wird: möglichst früh, damit man die Brust erhalten und schonend behandeln kann, sich die Heilungschancen verbessern. Da jedes Röntgenbild von zwei Fachärzten unabhängig voneinander begutachtet wird, sollte es eigentlich auffallen, wenn einer dazu neigt, etwas zu übersehen oder falsch einzuschätzen. So ist es jedenfalls gedacht.

          Alle zwei Jahre wird eine Frau im Alter zwischen 50 und 69 Jahren eingeladen, eine Röntgenuntersuchung der Brust machen zu lassen. Zehn Minuten dauert die Prozedur, die schmerzhaft sein kann, denn das Gewebe wird einem bestimmten Duck ausgesetzt, um die Strahlenbelastung niedrig zu halten und die Aussagekraft der Aufnahme zu erhöhen.

          Im Durchschnitt nehmen 54 Prozent das Angebot an: „Wir wünschen uns 60 Prozent und mehr, damit das Programm effektiv arbeiten kann“, sagt Bock. Wirkung zeige es dennoch: „Die Sterberate sinkt, ein Großteil der entdeckten Karzinome ist kleiner als zwei Zentimeter, und auch die Lymphknoten sind meist noch nicht befallen.“ Das erleichtert die Behandlung. Pro Jahr sterben dadurch etwa 2000 Frauen weniger an Brustkrebs, rund 17 500 Todesfälle sind es trotzdem immer noch.

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