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Heidelberger Forschergruppe : Brustkrebs-Bluttest: Durchbruch oder Enttäuschung?

Sehnlichst erwartet: Ein Bluttest, der Brustkrebs nachweisen kann. Bild: dpa

Heidelberger Mediziner haben einen Bluttest für Brustkrebs vorgestellt. Tumore könnten damit früh und schonend erkannt werden. Spannend, sagen Kollegen, und sind dennoch enttäuscht.

          „Weltsensation“, „Durchbruch“ in der Brustkrebs-Früherkennung – die Heidelberger Uni-Frauenklinik und ihr Ärztlicher Direktor, Christoph Sohn, haben ihr Ziel erreicht. Die Schlagzeilen sprechen für sich. Ein Bluttest, den Sohn und sein Team in den vergangenen Jahren entwickelt haben, soll es bald möglich machen, im Blut zirkulierende Krebszellen schon früh zu identifizieren. Frauen, die sich die Strahlenbelastung einer Mammografie ersparen wollen, sollen vor allem davon profitieren. Ein marktfähiger Bluttest – eine Liquid Biopsy („flüssige Gewebeprobe“)  für Brustkrebs – das gibt es bisher tatsächlich noch nicht.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Sohn hat für die Vermarktung, die für Herbst angekündigt ist, sogar ein Unternehmen aus der Universität ausgegründet: „HeiScreen“. Wie realistisch das allerdings ist, und was der schonende Heidelberger Blutkrebstest wirklich im klinischen Alltag zu leisten vermag, darüber rätselt die Fachwelt noch. Denn obwohl die Mitteilung an die Medien recht ausführlich ist, bleiben viele Details im Dunkeln. Das ist vor allem auf einem Gebiet wie Liquid Biopsy, das aus nachvollziehbaren Gründen ein gewaltiges Marktpotential besitzt, eine schwierige Situation. Immerhin 80.000 Frauen im Land erkranken jedes Jahr neu an Brustkrebs. Das Mammakarzinom ist damit mit Abstand die häufigste Tumorart bei Frauen.

          Nicht nur für Brustkrebs wird an schnellen und schonenden Bluttests gearbeitet. Doch wissenschaftlich ist der Wert vieler dieser Krebs-Bluttests ebenfalls umstritten. Um die seit ein paar Jahren für diverse Krebsarten entwickelten Tests entbrennen immer wieder große Debatten unter Krebsforschern. Denn viele haben den klinischen Härtetest in größeren kontrollierten Studien noch nicht bestanden, werden aber trotzdem schon gerne als Durchbruch angepriesen.

          Röntgenbild der gesunden Brust einer Frau

          In diese Reihe wird man bis auf Weiteres auch den Heidelberger Bluttest einordnen müssen. Eine wissenschaftliche Publikation und damit eine kritische Begutachtung von anderen Experten wurde mit der öffentlichen Bekanntgabe, die nach Angaben verschiedener Medien am heutigen Donnerstag von einer Kongresspräsentation in Düsseldorf begleitet wird, nicht geliefert. Sie dürfte aber in Vorbereitung sein. Aus den vorliegenden Informationen und ihren Erkenntnissen über den schon 1996 zum Patent angemeldeten Bluttest aus Heidelberg, schließt die Düsseldorfer Gynäkologin Tanja Fehm, eine der führenden Liquid-Biopsy-Forscherinnen für Brustkrebs: „Der Test ist sicher spannend. Allerdings muss dieser nun umfangreich validiert werden an einer größeren Patientenzahl.“

          Wie sicher werden Krebszellen erkannt?

          Sohn und sein Forscherteam um Sarah Schott, die die „Translationale Frauenheilkunde“ in Heidelberg leitet, haben gleich 15 sogenannte Biomarker ausgemacht, mit denen sie Krebszellen von gesunden Körperzellen im Blut unterscheiden können. Dieses Set an Testbausteinen besteht aus kleinsten RNA-Schnipseln, sogenannte Mikro-RNAs, die ausschließlich in den Krebszellen vorliegen, sowie chemische Signale auf dem Genom – der DNA – der Tumorzellen: sogenannte Methylisierungsmarker. Sie finden sich gehäuft in den Krebszellen, weil diese genetisch anders reguliert sind. Die Frage ist immer: Wie spezifisch kann eine solche molekulare Testbatterie die Krebszellen erkennen, das heißt: Wie sicher erkennt man damit wirklich Krebszellen – und nur Krebszellen. Die Heidelberger Gynäkologen sind in der Hinsicht zuversichtlich: „Damit können auch kleine Tumore schon erkannt werden.“ Das würde bedeuten: Brustkrebs könnte schnell und schon in einem sehr frühen Stadium festgestellt werden, die Abklärung  des Befundes beim Spezialisten wäre die logische Konsequenz.

          Sarah Schott und Christof Sohn von der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg präsentieren stolz den neuen Test.

          Worauf stützen die Wissenschaftler ihre Zuversicht? Im Wesentlichen auf ihre erste Kohortenstudie, die in den vergangenen zwölf Monaten mit 500 Brustkrebspatientinnen und 400 gesunden Probandinnen vorgenommen worden ist. Bei drei Viertel der Bustkrebspatientinnen wurden mit dem Test Krebszellen im Blut entdeckt, das entspricht einer Sensitivität von 75 Prozent. Wobei der Test bei Frauen unter 50 Jahren offenbar noch deutlich besser funktioniert, hier liegt die Sensitivität bisher bei 86 Prozent. Noch allerdings handelt es sich um Zwischenergebnisse. Die Studie ist auf insgesamt zweitausend Patientinnen angelegt. Brustkrebsforscherin Fehm überzeugen die Zwischenresultate nicht vollends, wenn es um eine Anwendung im klinischen Alltag angeht: „Was macht man, wenn der Test positiv ist, aber man findet dann nichts? Bei 25 Prozent ist der Test negativ. Hier ist das Problem, dass sich die Patientinnen und der Arzt in falscher Sicherheit wiegen könnten.“

          Viele Details blieben im Dunkeln

          Auch die Tübinger Fachärztin für Humangenetik, Saskia Biskup, die selbst Bluttests für einzelne Patienten entwickelt, ist skeptisch: „Wir warten alle händeringend auf so einen Test“, aber die Sensitivität des Heidelberger Tests sei niedrig und die Datenlage noch viel zu lückenhaft. Genaueres über die Biomarker und wie spezifisch diese für Brustkrebszellen sind, oder wie etwa eine Medikamenteneinahme, die ebenfalls die Methylierung von Körperzellen beeinflusst, die Genauigkeit des Krebstests beeinflusst, bleibe im Dunkeln. Die Ankündigung aus Heidelberg erinnert Biskup an das Schicksal des „CancerSeek“-Tests vor einem Jahr. Dieser inzwischen in „Science“ präsentierte Test, der sogar acht Krebsarten gleichzeitig erkennen soll, bekam ebenfalls riesige Schlagzeilen, „aber nachdem man die Einzelheiten gesehen hat, war es vorbei mit der Begeisterung, weil er für die Klinik noch unbrauchbar ist“, so Biskup. 

          Auch der Hinweis der Heidelberger Forschergruppe um Sohn und Schott, der Test habe auch bei der Früherkennung von Eierstock-Krebs vielversprechende Ergebnisse mit einer Sensitivität von 80 Prozent (bei 200 Patientinnen)  erzielt, überzeugt die Düsseldorfer Gynäkologin Fehm nicht. „Es gibt zu viele ungeklärte Fragen.“ Das dürfte auch entscheidend sein, wenn irgendwann über die Erstattung des Tests durch die Krankenkassen entschieden wird. Ausreichende Daten liegen jedenfalls ganz offenkundig noch nicht vor. Einfacher zu nehmen sein dürfte die Hürde der CE-Zertifizierung, die für die Markteinführung wichtig ist. Die ist den Heidelberger Klinikern zufolge bereits angelaufen.

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