https://www.faz.net/-gwz-8aqj0

Botox : Mit Wurstgift gegen Falten

  • -Aktualisiert am

Eine Standardbehandlung mit Botulinumtoxin Bild: ddp

Viagra-Produzent Pfizer fusioniert mit der Firma Allergan. Deren Bestseller Botox ist vor allem als Mittel zur Hautstraffung und Faltenminderung. Doch was kann er noch?

          4 Min.

          Am 14. Dezember 1895 kam es im belgischen Dorf Ellezelles zu tragischen Vergiftungen. Die Blaskapelle Fanfare Les Amis Réunis hatte bei einer Beerdigung gespielt, und anschließend trafen sich die Mitglieder im Lokal „Le Rustic“ zum Essen. Schon bald bekamen die ersten typische Beschwerden des Botulismus zu spüren. Ihre Pupillen waren geweitet, sie sahen doppelt und hatten Schwierigkeiten zu schlucken oder Worte zu artikulieren. Dann traten weitere Lähmungserscheinungen auf: Drei Männer starben, zehn weitere entrannen dem Tod nur knapp.

          Alle Betroffenen hatten vom selben Räucherschinken des „Rustic“ gegessen. Dieser wurde - samt den Leichen der verstorbenen Musiker - an die Universität Gent gebracht. Zu Emile van Ermengem, einem Schüler von Robert Koch, der die Untersuchungen nach allen Regeln der noch jungen Wissenschaft der Mikrobiologie durchführte und fündig wurde: Im Schinken wuselten stäbchenförmige Bakterien, die der Professor auf den Namen Bacillus botulinum taufte. Tierversuche überführten die isolierten Keime zweifelsfrei als Verursacher des Botulismus, einer seit dem Altertum bekannten und nach dem lateinischen Wort für Wurst, botulus, benannten Form der Fleischvergiftung. Über deren stoffliche Grundlage hatten die Gelehrten bis dahin gestritten.

          Clostridium botulinum, wie das Bakterium heute bezeichnet wird, lebt von der Vergärung organischen Materials unter Ausschluss von Sauerstoff. So kann es im Inneren eines Schinkens oder einer Wurst ebenso gedeihen wie in Konserven, die nicht ausreichend sterilisiert wurden. Dabei produzieren die Bakterien Faulgase, die beim Öffnen zischend entweichen. Obwohl C. botulinum keinen Sauerstoff verträgt, ist es doch in Form von extrem widerstandsfähigen Sporen allgegenwärtig und kann unter den geeigneten Bedingungen auskeimen. Immerhin lässt es sich durch eine entsprechende Hygiene und ausreichendes Erhitzen oder Ansäuern von Konserven aus Nahrungsmitteln weitgehend fernhalten. Botulismus ist deshalb in den Industriestaaten selten geworden. In Deutschland registrierte das Robert-Koch-Institut in den beiden vergangenen Jahren nur jeweils sechs Vergiftungsfälle mit dem von den Bakterien produzierten Toxin.

          Effekt hält über mehrere Monate an

          Das Gift, von dem inzwischen etliche Varianten mit unterschiedlichem Wirkungsspektrum bekannt sind, gehört zu den potentesten Toxinen der Welt. Bei einem Menschen können schon wenige Milliardstel Gramm die tödlichen Lähmungen hervorrufen. Verursacht werden sie durch eine Blockade der Reizweiterleitung zwischen Nerv und Muskel, erklärt Frank Erbguth, Chef der Klinik für Neurologie am Klinikum Nürnberg. „Das Botulinustoxin besteht aus zwei unterschiedlichen Eiweißketten. Die große sorgt wie ein trojanisches Pferd dafür, dass es von Nervenzellen aufgenommen wird, die kleine ist das eigentliche Gift.“ Dieses spaltet ein körpereigenes Eiweiß, das über die Freisetzung des Botenstoffs Acetylcholin an der Kommunikation zwischen Nerv und Muskel beteiligt ist, und legt so die Reizübertragung lahm.

          Dass diese Wirkung auch segensreich sein könnte, vermutete schon 1822 der schwäbische Arzt und Dichter Justinus Kerner, Verfasser der ersten wissenschaftlichen Abhandlung zum Thema. Da sie auf die Sphäre des Nervensystems beschränkt bliebe, könne das Wurstgift „in vielen Krankheiten, die aus Aufreizung dieses Systems entstehen, von Nutzen seyn“. Dazu zählte Kerner Bewegungsstörungen, überaktive Drüsen und selbst Wahnsinn. Allerdings müssten seine Hypothesen „von dereinstigen Beobachtungen bestätigt oder widerlegt werden“.

          In den 1970er und 80er Jahren fing man an, das Botulinustoxin tatsächlich medizinisch zu nutzen, und seither ließen sich einige von Kerners Ideen in der Anwendung umsetzen. Extrem verdünntes Botulinustoxin dient zum Lösen verkrampfter Muskeln bei einer Vielzahl von Bewegungs- und Haltungsstörungen - heute ein Standard, wie auch die Schwächung bestimmter Augenmuskeln, um starkes Schielen zu behandeln. Dass das Gift langsam abgebaut wird, ist von Vorteil: Der Effekt hält über mehrere Monate an. Dass Muskeln sich gezielt außer Gefecht setzen lassen, darauf beruht auch die in der Kosmetik beliebte Anwendung - als Faltenglätter.

          Ein durchschlagender Erfolg sieht anders aus

          Anfang der Neunziger entdeckt, seit 2002 in den Vereinigten Staaten zugelassen: Von dem Schönheitsmittel aus der Spritze profitiert vor allem das irische Unternehmen Allergan mit dem Marktführer „Botox“, aber längst auch andere Produzenten des Lifestylemedikaments, etwa die deutsche Firma Merz. Die damit behandelten Gesichtsmuskeln verlieren ihren Tonus und lassen die darüber liegende Haut straffer erscheinen. Inwieweit das schöner ist, bleibt fragwürdig - wie der Effekt, den eine mehr oder minder gehemmte Mimik hat. Psychologische Studien legen jedenfalls nahe, dass die Glättung des Gesichts auch mit einer Verflachung von Emotionen und Empathie einhergeht.

          Acetylcholin überträgt Nervensignale auf Muskeln. Aber nicht nur: Der Botenstoff leitet auch an Schweißdrüsen Reize weiter - und diese lassen sich mit Hilfe von Botulinustoxin ebenfalls abfangen. So gehört auch Kerners Vision von der Dämpfung überaktiver Drüsen heute zum klinischen Alltag, denn so können schwere Fälle von Hyperhidrose behandelt werden, wenn Patienten unter ihrer extremen Schweißabsonderung leiden. Dem potenten Gift werden allerdings noch ganz andere Wirkungen nachgesagt. Nach kosmetischen Injektionen wurde zufällig entdeckt, dass sich Kopfschmerzen und chronische Migräne offenbar durch Botox und entsprechende Präparate beeinflussen lassen.

          Den zahlreichen Anekdoten über diese erfreuliche Nebenwirkung, deren neuronales Wirkprinzip noch nicht verstanden ist, ging eine 2010 in Headache publizierte Studie auf den Grund. Daran nahmen fast 1400 Patienten teil, die an chronischer Migräne litten, also mindestens an 15 Tagen im Monat. Das Ergebnis lässt sich als durchmischt beschreiben. Zwar nahm die Zahl der Kopfschmerztage um durchschnittlich 8,4 Tage ab, wenn den Patienten das Bakteriengift gespritzt wurde. Aber eine Placebo-Injektion erbrachte einen Rückgang um 6,6 Tage. Ein durchschlagender Erfolg sieht anders aus. Zumal nicht auszuschließen ist, dass die Probanden durchaus unterscheiden konnten, ob ihnen das echte Präparat oder Kochsalzlösung gespritzt wurde. Damit wäre die von aussagekräftigen Studien geforderte Verblindung des Patienten hinfällig.

          Weniger als ein Gramm Botulinustoxin für die Jahresproduktion

          Das alles sei jedoch in die Entscheidung zur 2011 erfolgten Zulassung des Verfahrens in Deutschland und 13 anderen EU-Staaten für die Behandlung der kleinen Untergruppe von Migränepatienten mit chronischer Verlaufsform eingegangen, sagt Hartmut Göbel von der Schmerzklinik Kiel. Wie Göbel betont sein Hamburger Kollege Arne May, der die Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf leitet, dass die Therapie in der Praxis bei einigen Patienten sehr gut, bei anderen aber kaum anschlage. Mit der Behandlung chronischer Migräne stehe man sonst mangels anderer Medikamente mit dem Rücken zur Wand.

          Effektiv oder nicht - für Allergan eröffnete die in den Vereinigte Staaten und Großbritannien bereits 2010 erfolgte Zulassung von Botox bei chronischer Migräne jedenfalls ein neues Geschäftsfeld. Dieses beackert man in Deutschland im Zuge der „market creation“ mit einer nicht direkt werblichen und damit legalen Aufklärungskampagne unter dem Titel „Kopf frei fürs Leben!“. Der ganz traditionell mittels Bakterienkulturen gewonnene und im Präparat stark verdünnte Rohstoff geht der Firma dabei nicht so schnell zur Neige. 2011 reichte weniger als ein Gramm Botulinustoxin für die Jahresproduktion des Unternehmens, das damit 1,7 Milliarden Dollar umsetzte. Inzwischen sind es mehr als zwei Milliarden, die etwa zur Hälfte dem Wunsch entstammen, faltenfrei zu sein.

          Weitere Themen

          Von Wintervögeln und Zaubernüssen

          Ab in die Botanik : Von Wintervögeln und Zaubernüssen

          Wer zur „Stunde der Wintervögel“ aufbricht, kann nebenbei noch bizarre Frühblüher entdecken. Die Blüte einer Hamamelis ist faszinierend und kann der Phänologie außerdem interessante Daten liefern, wenn sie rund ums Jahr unter Beobachtung steht.

          So entstehen Tsunamis Video-Seite öffnen

          Beben am Meeresboden : So entstehen Tsunamis

          Nach einem Vulkanausbruch und aus Sorge um einen daraus entstehenden Tsunami sind im Inselstaat Tonga im Südpazifik zahlreiche Menschen in höher gelegene Gebiete geflohen. Die Videografik erläutert, wie Tsunamis entstehen.

          Topmeldungen

          Annalena Baerbock und Sergej Lawrow am Dienstag in Moskau

          Besuch in Moskau : Frostige Atmosphäre zwischen Baerbock und Lawrow

          Annalena Baerbock und Sergej Lawrow waren zwar höflich zueinander aber nicht mehr. Die Gespräche waren wohl kaum mehr als ein gegenseitiges Vorhalten von Vorwürfen. Immerhin gibt es ein Zeichen im Hinblick auf die Ukraine.
          Boris Palmer im März 2021 in Tübingen

          Tübinger Oberbürgermeister : Palmers Chancen bleiben gut

          Boris Palmer ist als Tübinger Oberbürgermeister erfolgreich und bei den Wählern beliebt. Bei der Wahl im Herbst müsste er nun ohne Unterstützung seiner Partei antreten. Die ist gespalten.